Ferne Zukunftsmusik
Fotos oder Videos zu verschicken ist nichts Ungewöhnliches. Moderne Kommunikationsmittel gehören zum Alltag und erleichtern ihn ungemein. Was im privaten oder geschäftlichen Bereich längst üblich ist, klingt im Rettungswesen wie ferne Zukunftsmusik. Die zu Verfügung stehende Technik war vielleicht in den 1950er Jahren aktuell -- eine schnelle Datenübertragung in Echtzeit ist damit nicht möglich. "Und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nur wenig ändern", weiß Dr. Max Skorning. "Med-on-@ix" setzt deshalb auf die Netze der Mobilfunkbetreiber.
Die in einem großen Rucksack untergebrachte mobile Übertragungseinheit kann über jedes Netz genutzt werden. Einstellungen sind nicht nötig, das Gerät wird eingeschaltet und wählt sich automatisch ein. "Es muss von alleine funktionieren", betont Skorning. Außerdem muss es schnell und sicher sein -- die Übertragung darf nicht abbrechen. "Wir bündeln die Netze und übertragen die Daten parallel", erklärt Skorning. Das Empfangsgerät kann sich in bis zu vier Netze parallel einwählen -- auch in niederländische und belgische. So wird eine höhere Geschwindigkeit erreicht und Übertragungsverluste werden vermieden.
Ärztemangel und steigende Einsatzzahlen machen sich heute schon in ländlichen Gebieten bemerkbar. Seit 1985 hat sich die Zahl der Notarzt-Einsätze verdoppelt. Die Bundesärztekammer rechnet mit einer weiteren Verringerung der Notarztstandorte und mit längeren Anfahrtszeiten. Die Telenotärzte könnten zur Entspannung der Situation beitragen. "Meist ist das Wissen des Notarztes gefragt, sein handwerkliches Können ist nur in 15 Prozent der Notfälle wichtig", so Skorning.
In der Stadt funktioniert das System nach ersten Tests recht gut. Problematischer ist es im ländlichen Bereich. Dort gehören schnelle Breitbandverbindungen über Mobilfunk wie UMTS noch nicht zum Standard.
Bevor das Projekt jetzt in den Praxistest geht, haben die Forscher viel Vorarbeit geleistet. Unter realitätnahen Bedingungen mussten Rettungsteams Szenarien wie "Patient mit Herzinfarkt" oder "Fahrradfahrer mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma" lösen. Durch Interviews, Fragebögen und die Auswertung von Videos werden die Erfahrungen der Studie ausgewertet.
Untersuchungen zeigen eine hohe Bereitschaft der Mediziner, sich auf das System einzustellen, und diverse Rechtsgutachten bescheinigen dem Projekt medizin- und datenschutzrechtliche Unbedenklichkeit.
Aachener Nachrichten, 4. November 2009
von Werner Breuer und Andreas Gabbert