Das Thema: Neue Technik für Notärzte - Wenn der Herr Doktor aus der Entfernung hilft
Symbol - Presse

Aachener Forschungsprojekt arbeitet an der Einrichtung einer Telenotarzt-Zentrale. Blutdruckwerte oder Herzfrequenz werden vom Einsatzort übertragen.

Aachen. Komische Vorstellung: Da liegt zum Beispiel ein verunglückter Motorradfahrer im Straßengraben, Rettungssanitäter kümmern sich um den Schwerverletzten - aber der Notarzt erscheint gar nicht am Unfallort, sondern sitzt an einem Computer in der Leitstelle und "behandelt" den Patienten von dort aus. Eine denkbare Vorstellung für Dr. Max Skorning, "aber bei diesem Projekt geht es darum erstmal nicht". Mit "diesem Projekt" meint der Notarzt des Aachener Uniklinikums ein Forschungsvorhaben, bei dem Mediziner und Ingenieure gemeinsame Sache machen. Zweck der Übung, die unter dem Namen "Med-on-@ix" firmiert: Die Einrichtung einer Telenotarzt-Zentrale, in der Notärzte auf alle wichtigen Daten von der Einsatzstelle zugreifen können und ihre Kollegen vor Ort bei Diagnostik und Therapie unterstützen können.

Aufmerksam beobachtet der Notarzt Kurven und Diagramme auf seinem Monitor. Bilder vermitteln ihm einen Eindruck von der Einsatzstelle und dem Zustand des Patienten. Wie ein Pilot vor dem Start geht er seine Checklisten durch und informiert seinen Kollegen vor Ort über mögliche Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten. "In komplexen Fällen kann ein Notarzt diese zusätzliche Hilfe brauchen", weiß Skorning. Die Betonung liegt auf "zusätzlich": Durch dieses Projekt werde kein Notarzt eingespart, sagt Skorning. Es werden im Gegenteil noch zwei Kollegen hinzukommen, wenn jetzt in Aachen der Praxistest beginnt. Üblicherweise haben in Deutschlands westlichster Großstadt tagsüber drei Notärzte Dienst, nachts sind es derer zwei. Sollte das nicht reichen, muss die Leitstelle der Feuerwehr den Rettungshubschrauber aus Würselen rufen oder anderweitig Hilfe aus der Nachbarschaft organisieren.

Mit den beiden Telenotärzten wird die Mannschaft nun aufgestockt, zumindest tagsüber. Ein Jahr lang wird die "Med-on-@ix"-Truppe mit einem Team von zehn Notärzten 40 Stunden pro Woche beim Rettungsdienst in der Stadt Aachen mitmischen. "Das geht dann abwechselnd", erläutert Dr. Sebastian Bergrath die Arbeitsaufteilung zwischen Bildschirm und Blaulicht. Ein Kollege sitzt in der Zentrale vor den Bildschirmen, der zweite ist vor Ort und fährt mit im Rettungswagen. Das Fahrzeug ist mit einer Kamera ausgerüstet und liefert von dort aus Bilder vom Patienten. Die "Med-on-@ix"-Ärzte wollen dabei immer wieder die Rollen tauschen, um beide Seiten kennenzulernen.

Dr. med. Skorning
FOTO © UKA: Dr. med. Max Skorning

Ferne Zukunftsmusik

Fotos oder Videos zu verschicken ist nichts Ungewöhnliches. Moderne Kommunikationsmittel gehören zum Alltag und erleichtern ihn ungemein. Was im privaten oder geschäftlichen Bereich längst üblich ist, klingt im Rettungswesen wie ferne Zukunftsmusik. Die zu Verfügung stehende Technik war vielleicht in den 1950er Jahren aktuell -- eine schnelle Datenübertragung in Echtzeit ist damit nicht möglich. "Und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nur wenig ändern", weiß Dr. Max Skorning. "Med-on-@ix" setzt deshalb auf die Netze der Mobilfunkbetreiber.

Die in einem großen Rucksack untergebrachte mobile Übertragungseinheit kann über jedes Netz genutzt werden. Einstellungen sind nicht nötig, das Gerät wird eingeschaltet und wählt sich automatisch ein. "Es muss von alleine funktionieren", betont Skorning. Außerdem muss es schnell und sicher sein -- die Übertragung darf nicht abbrechen. "Wir bündeln die Netze und übertragen die Daten parallel", erklärt Skorning. Das Empfangsgerät kann sich in bis zu vier Netze parallel einwählen -- auch in niederländische und belgische. So wird eine höhere Geschwindigkeit erreicht und Übertragungsverluste werden vermieden.

Ärztemangel und steigende Einsatzzahlen machen sich heute schon in ländlichen Gebieten bemerkbar. Seit 1985 hat sich die Zahl der Notarzt-Einsätze verdoppelt. Die Bundesärztekammer rechnet mit einer weiteren Verringerung der Notarztstandorte und mit längeren Anfahrtszeiten. Die Telenotärzte könnten zur Entspannung der Situation beitragen. "Meist ist das Wissen des Notarztes gefragt, sein handwerkliches Können ist nur in 15 Prozent der Notfälle wichtig", so Skorning.

In der Stadt funktioniert das System nach ersten Tests recht gut. Problematischer ist es im ländlichen Bereich. Dort gehören schnelle Breitbandverbindungen über Mobilfunk wie UMTS noch nicht zum Standard.

Bevor das Projekt jetzt in den Praxistest geht, haben die Forscher viel Vorarbeit geleistet. Unter realitätnahen Bedingungen mussten Rettungsteams Szenarien wie "Patient mit Herzinfarkt" oder "Fahrradfahrer mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma" lösen. Durch Interviews, Fragebögen und die Auswertung von Videos werden die Erfahrungen der Studie ausgewertet.

Untersuchungen zeigen eine hohe Bereitschaft der Mediziner, sich auf das System einzustellen, und diverse Rechtsgutachten bescheinigen dem Projekt medizin- und datenschutzrechtliche Unbedenklichkeit.  

Aachener Nachrichten, 4. November 2009
von Werner Breuer und Andreas Gabbert