| Aachener Klinik für Palliativmedizin betreut erste stationäre Patientin | ||||
Aachen. Was heißt hier schlechte Aussichten? Die zierliche ältere Dame am Fenster des lichten Krankenzimmers lacht und geht mit blau glitzernden Augen auf einen kurzen Spaziergang über grüne Hügel am Uniklinikum Aachen. «Ich bin überwältigt von diesem Blick», schwärmt Erika Eisele. «Die ganze Atmosphäre auf dieser Station ist einmalig.» Die 75-jährige Aachenerin ist die erste stationäre Patientin der Klinik für Palliativmedizin, die mit der Finanzierung eines eigenen Lehrstuhls durch die Firma Grünenthal im vergangenen Herbst an den Start gegangen ist. Erika Eisele weiß nur zu gut, dass ihre Perspektive in Bezug auf einen langen und entspannten Lebensabend in jüngster Zeit alles andere als besser geworden ist. Momentan aber - das betont sie immer wieder - geht es ihr viel besser als in den Wochen, als ihr Dasein fast nur noch aus Krämpfen, Übelkeit und Furcht bestand, als sie nicht essen, nicht trinken, sich kaum bewegen konnte. «Man zwingt mich hier zu nichts.» Ihre Familie habe den ersten Schock inzwischen ganz gut gemeistert. Auch die materielle Sorge treibt Erika Eisele nicht mehr um. Die Krankenkasse hat die Finanzierung ihrer Therapie gemäß einem jüngst geschlossenen Kooperationsvertrag mit dem Klinikum komplett übernommen. «Diese Einrichtung», meint die Patientin, «ist für mich wie ein Wunder. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann wieder nach Hause gehen kann.» Nur allmählich setze sich die Einsicht durch, dass die Linderung körperlicher Beschwerden nur ein Faktor von vielen sein dürfe: «Krisenbewältigung», so Radbruch, «steht für uns im Mittelpunkt. Denn der Schmerz als Symptom der Krankheit hat immer vier Seiten: eine körperliche, eine seelische, eine soziale, eine religiös-spirituelle.» Im Augenblick sorgen acht Schwestern und Pfleger dafür, dass diesem Umstand permanent und ganz praktisch Rechnung getragen wird. Zudem stehen ständig Psychologen und Krankenhausseelsorger bereit, um den Patienten ganz nach deren individuellen Bedürfnissen Beistand zu leisten. Auch dies ist ein integraler Bestandteil des Betreuungskonzepts. Vier von zunächst acht geplanten Betten stehen in der neuen Klinik bereits zur Verfügung. Die Krankenschwestern Agnes Klein und Birigt Klaßen etwa werden derzeit in Düsseldorf für ihre speziellen Aufgaben geschult. Wie verkraften sie es, dass ein objektiv messbarer «Erfolg» sich häufig eben nicht einstellen kann? «Erfolg», antwortet Agnes Klein, «ist für mich die Schaffung von Lebensqualität. Niemand wird hier mit seiner Angst allein gelassen, und niemand wird allein gelassen mit dem Tod.» Das gelte nicht zuletzt auch für die Angehörigen. «Wir nehmen ihnen die Scheu, sich mit diesem Tabu zu befassen, erklären ihnen unsere Arbeit und sorgen dafür, dass der emotionale und körperliche Kontakt zu den Schwerkranken neu hergestellt wird», sagt Birgit Klaßen. «Das gibt vielen sehr viel Mut und verhilft ihnen zu der Einsicht, dass sie nicht völlig machtlos und isoliert sind.» Denn das schwierige Wort Palliativstation lasse sich keinesfalls schlicht übersetzen in «Endstation», wie Radbruch unterstreicht. «Über die Hälfte unserer Patienten können die Klinik wieder verlassen.» Natürlich gelte es noch eine Menge dicker Bretter zu bohren - etwa bei der langfristigen Ausgestaltung der Finanzierung durch die Kassen und der Effektivierung einer schnellen Versorgung von Kranken, die auf stationäre Behandlung nicht dauerhaft angewiesen sind. «Aber wir sind auf einem guten Weg», resümiert der Mediziner. Auch die im Juli geschaffene «Fatigue-Sprechstunde» der Palliativ-Station für Patienten mit krankheitsbedingten Müdigkeitssymptomen wird immer besser angenommen, berichtet Professor Radbruch. Betroffene können sich unter der Tel.: 80 80880 informieren. Professor Radbruch referiert am 12. Oktober über neue Therapiemöglichkeiten und Nebenwirkungen von Opiatpräparaten, über die derzeit an seinem Lehrstuhl geforscht wird. Quelle: Aachener Zeitung vom 25.09.2003
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