Aachener Klinik für Palliativmedizin betreut erste stationäre Patientin
Die erste stationäre Patientin der Klinik für Palliativmedizin unter der Leitung von Prof. Radbruch
Die Angst ist geblieben, aber das Vertrauen in die umfassende Begleitung hilft Erika Eisele, ihre Situation zu bewältigen: Die 75-jährige Aachenerin ist die erste stationäre Patientin in der neuen Klinik unter der Leitung von Professor Dr. Lukas Radbruch.

Aachen. Was heißt hier schlechte Aussichten? Die zierliche ältere Dame am Fenster des lichten Krankenzimmers lacht und geht mit blau glitzernden Augen auf einen kurzen Spaziergang über grüne Hügel am Uniklinikum Aachen.

«Ich bin überwältigt von diesem Blick», schwärmt Erika Eisele. «Die ganze Atmosphäre auf dieser Station ist einmalig.» Die 75-jährige Aachenerin ist die erste stationäre Patientin der Klinik für Palliativmedizin, die mit der Finanzierung eines eigenen Lehrstuhls durch die Firma Grünenthal im vergangenen Herbst an den Start gegangen ist.

Erika Eisele weiß nur zu gut, dass ihre Perspektive in Bezug auf einen langen und entspannten Lebensabend in jüngster Zeit alles andere als besser geworden ist.
Anfang August erfuhr sie, dass in ihrem Bauch der Krebs wütet. Bald stellte sich heraus, dass eine Operation nicht mehr sinnvoll sei. «Man hat mir eröffnet, dass meine Lebenszeit nur noch begrenzt ist», sagt sie ruhig. «Keiner weiß, wann es mit mir zu Ende geht. Ich habe große Angst. Vor allem vor den Schmerzen, die jederzeit wieder erheblich größer werden können.»

Momentan aber - das betont sie immer wieder - geht es ihr viel besser als in den Wochen, als ihr Dasein fast nur noch aus Krämpfen, Übelkeit und Furcht bestand, als sie nicht essen, nicht trinken, sich kaum bewegen konnte. «Man zwingt mich hier zu nichts.»
So bringt sie einen wichtigen Aspekt der Klinik-Konzeption auf den Punkt. «Ich esse, wenn mir danach ist. Niemand redet mehr auf mich ein.»

Ihre Familie habe den ersten Schock inzwischen ganz gut gemeistert. Auch die materielle Sorge treibt Erika Eisele nicht mehr um. Die Krankenkasse hat die Finanzierung ihrer Therapie gemäß einem jüngst geschlossenen Kooperationsvertrag mit dem Klinikum komplett übernommen.

«Diese Einrichtung», meint die Patientin, «ist für mich wie ein Wunder. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann wieder nach Hause gehen kann.»
Selbst Professor Lukas Radbruch, der den ersten Lehrstuhl für Palliativmedizin in Aachen im Frühjahr übernommen hat, verfügt nicht über Zauberkräfte. Aber: «Wir müssen verstärkt dafür sorgen, dass Patienten ohne klare Aussicht auf Heilung eine ganzheitliche Behandlung erhalten», sagt der 44-Jährige.

Nur allmählich setze sich die Einsicht durch, dass die Linderung körperlicher Beschwerden nur ein Faktor von vielen sein dürfe: «Krisenbewältigung», so Radbruch, «steht für uns im Mittelpunkt. Denn der Schmerz als Symptom der Krankheit hat immer vier Seiten: eine körperliche, eine seelische, eine soziale, eine religiös-spirituelle.»

Im Augenblick sorgen acht Schwestern und Pfleger dafür, dass diesem Umstand permanent und ganz praktisch Rechnung getragen wird. Zudem stehen ständig Psychologen und Krankenhausseelsorger bereit, um den Patienten ganz nach deren individuellen Bedürfnissen Beistand zu leisten. Auch dies ist ein integraler Bestandteil des Betreuungskonzepts.

Vier von zunächst acht geplanten Betten stehen in der neuen Klinik bereits zur Verfügung. Die Krankenschwestern Agnes Klein und Birigt Klaßen etwa werden derzeit in Düsseldorf für ihre speziellen Aufgaben geschult.
«Die neue Tätigkeit ist sehr anstrengend», sagen die beiden unisono, «aber auch äußerst spannend - und es macht große Freude, wirklich auf die persönlichen Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können.»

Wie verkraften sie es, dass ein objektiv messbarer «Erfolg» sich häufig eben nicht einstellen kann? «Erfolg», antwortet Agnes Klein, «ist für mich die Schaffung von Lebensqualität. Niemand wird hier mit seiner Angst allein gelassen, und niemand wird allein gelassen mit dem Tod.»

Das gelte nicht zuletzt auch für die Angehörigen. «Wir nehmen ihnen die Scheu, sich mit diesem Tabu zu befassen, erklären ihnen unsere Arbeit und sorgen dafür, dass der emotionale und körperliche Kontakt zu den Schwerkranken neu hergestellt wird», sagt Birgit Klaßen. «Das gibt vielen sehr viel Mut und verhilft ihnen zu der Einsicht, dass sie nicht völlig machtlos und isoliert sind.»

Denn das schwierige Wort Palliativstation lasse sich keinesfalls schlicht übersetzen in «Endstation», wie Radbruch unterstreicht. «Über die Hälfte unserer Patienten können die Klinik wieder verlassen.»

Natürlich gelte es noch eine Menge dicker Bretter zu bohren - etwa bei der langfristigen Ausgestaltung der Finanzierung durch die Kassen und der Effektivierung einer schnellen Versorgung von Kranken, die auf stationäre Behandlung nicht dauerhaft angewiesen sind. «Aber wir sind auf einem guten Weg», resümiert der Mediziner.

Auch die im Juli geschaffene «Fatigue-Sprechstunde» der Palliativ-Station für Patienten mit krankheitsbedingten Müdigkeitssymptomen wird immer besser angenommen, berichtet Professor Radbruch. Betroffene können sich unter der Tel.: 80 80880 informieren.
Für mindestens 10 Millionen Menschen in Deutschland ist Schmerz ein ständiger Begleiter, teilte die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, deren Beirat Professor Radbruch angehört, unterdessen mit. Vom 8. bis 12. Oktober lädt die Gesellschaft in Münster zum deutschen Schmerzkongress mit zahlreichen anerkannten Experten.

Professor Radbruch referiert am 12. Oktober über neue Therapiemöglichkeiten und Nebenwirkungen von Opiatpräparaten, über die derzeit an seinem Lehrstuhl geforscht wird.

Quelle: Aachener Zeitung vom 25.09.2003