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07.03.2017 09:26

07.03.2017 - Neue Studie beweist: Intensive Sprachtherapie verbessert auch chronische Sprachstörungen nach Schlaganfall

Das Team der Aphasiesation der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen: v.l.n.r: Hilmar Weldin, Beate Schumann, Dr. Cornelius Werner, Anna-Lisa Schottorf, Jennifer Kelke, Irmgard Radermacher & Lea Plum.

Seit über 25 Jahren werden auf der Aphasiestation der Uniklinik RWTH Aachen Patienten mit akuter, aber auch chronischer Sprachstörung (Aphasie) mittels hochintensiver neurolinguistischer Therapie erfolgreich behandelt. Obwohl die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie seit vielen Jahren eine Intensiv-Sprachtherapie als wirksames Verfahren empfiehlt, übernehmen die deutschen Krankenkassen die Kosten hierfür nicht ohne Weiteres. Grund dafür war bislang mangelnde, wissenschaftlich hinreichende Evidenz zur Wirksamkeit der Therapie. Im Rahmen einer multizentrischen Großstudie, an der die Uniklinik RWTH Aachen maßgeblich beteiligt war, lieferten Sprachforscher nun die fehlenden Nachweise zur Wirksamkeit der in der Praxis bereits bewährten Intensivtherapie bei chronischer Aphasie. Die Forschungsergebnisse wurden in „The Lancet", einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften weltweit, veröffentlicht.

Weltweit ist dies die erste Studie in dieser Patientengruppe mit chronischer Aphasie, die unter regulären klinischen Bedingungen an verschiedenen Zentren stattfand und eine nicht behandelte Kontrollgruppe einschloss. Insgesamt nahmen in deutschlandweit 19 ambulanten oder (teil-)stationären Kliniken, darunter auch die Uniklinik RWTH Aachen, sowie Rehabilitationszentren 156 Menschen mit schlaganfallbedingter chronischer Aphasie an der Studie teil – mit Erfolg. Die Ergebnisse belegen überzeugend, dass eine intensive Sprachtherapie zu einer deutlichen und lang anhaltenden Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit führt. Eine ambulante Therapie, wie sie normalerweise verordnet wird, bewirkte hingegen keine Verbesserung.

Beachtenswert ist die Studie aus mehreren Gründen: Es wurden Patienten fast aller Schweregrade und Störungsmuster untersucht. Zweitens wurde der Therapieerfolg mittels einer bewährten Skala erhoben, die alltagsrelevante Kommunikationsfähigkeiten misst, sodass sich ein direkter Nutzen im Alltag erwarten lässt. Folglich stieg auch die ebenfalls erfragte Lebensqualität der Patienten messbar. Drittens wurde durch eine langfristige Verlaufsbeobachtung sichergestellt, dass die erzielten Erfolge auch lang anhaltend über sechs Monate sind. Und zuletzt wurde demonstriert, dass diese intensive Form der Versorgung in Deutschland auch unter existierenden Bedingungen angeboten werden kann.

Es steht zu erwarten, dass die nationalen und internationalen Leitlinien diesen Erkenntnisgewinn rasch widerspiegeln werden. Damit entsteht für Betroffene die berechtigte Hoffnung, von diesem wissenschaftlichen Fortschritt der Medizin bald profitieren zu können.

Referenz:
Breitenstein C, Grewe T, Flöel A, Ziegler W, Springer L, Martus P, Huber W, Willmes K, Ringelstein EB,Haeusler KG, Abel S, Glindemann R, Domahs F, Regenbrecht F, Schlenck K-J, Thomas M, Obrig H, de Langen E, Rocker R, Wigbers F, Rühmkorf C, Hempen I, List J, Baumgaertner A. Intensive speech and language therapy in patients with chronic aphasia after stroke: a randomised, open-label, blinded-endpoint, controlled trial in a health-care setting.The Lancet February 27, 2017.

 

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