Uniklinik RWTH Aachen nimmt Stellung zur Kritik am Forschungsvorhaben „Vergleichende Forschung zu Anorexia Nervosa oder Magersucht“

Die Uniklinik RWTH Aachen nimmt die Diskussion um Tierschutz und Tierversuche sehr ernst und beteiligt sich aktiv an den laufenden ethischen Debatten. Vorwürfe der Tierquälerei und der ethischen Verwerflichkeit, die sich auf ein Forschungsvorhaben („Vergleichende Forschung zu Anorexia Nervosa oder Magersucht“) der Uniklinik RWTH Aachen beziehen, weist das Haus scharf zurück und kommuniziert die Argumente für die Versuchsreihe transparent und offen.

Der menschliche Körper ist äußerst komplex. Für die meisten der rund 30.000 Krankheiten des Menschen gibt es lediglich Behandlungen, die die Symptome mildern, ohne die Ursache zu beheben. Das Verstehen von Krankheiten und die stete Verbesserung von Heilungs- und Präventionsmethoden sowie die Erforschung der Grundlagen des Lebens gehören als international tätige Forschungseinrichtung zu unseren Kernaufgaben. Für viele derartige Fragestellungen gibt es oft keine Alternative zum Tierversuch. Die Uniklinik RWTH Aachen und die Medizinische Fakultät der RWTH Aachen führen diese daher in standardisierter Form durch, um die Ursachen für bestimmte Krankheitsbilder gezielter zu erkennen, medizinische Innovationen zu entwickeln und bestimmte Therapien und Wirkstoffe zu testen und zu verbessern. Als öffentlich finanzierte Einrichtung haben wir uns im Sinne unseres Leitbildes zur Transparenz bekannt und kommunizieren offen alle relevanten Fakten zum Thema Tierversuche (siehe FAQ-Katalog des Instituts für Versuchstierkunde).

Zur konkreten Versuchsreihe

Anorexia Nervosa oder Magersucht ist die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter und betrifft vor allem das weibliche Geschlecht. Etwa 0,5 bis ein Prozent aller Mädchen oder jungen Frauen erkranken im Laufe ihres Lebens, damit belaufen sich die diagnostizierten Fälle auf rund 10.000 pro Jahr, die Dunkelziffer dürfte entsprechend höher liegen. Anorexia Nervosa hat die höchste Sterblichkeit aller psychischen Erkrankungen. Ihre Entstehung ist bis heute nicht gut verstanden, auch nicht, warum sie bei so vielen Patientinnen einen chronischen Verlauf nimmt – und mit vielen Krankenhausaufenthalten und immer neuen Rückfällen verbunden ist. Bei einem Teil der jugendlichen Patientinnen treten Hirnveränderungen auf, die möglicherweise irreversibel sind und deren Ursache wir nicht genau kennen. Im Gegensatz zu früher weiß man heute, dass biologische Ursachen und Folgen des Hungerns für die Entstehung und den Verlauf der Magersucht eine wesentliche Rolle spielen. Nur durch Tierversuche können die zugrundeliegenden Mechanismen besser verstanden werden, um daraus wirksamere Therapieoptionen für Patienten mit Anorexia nervosa zu entwickeln. Dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf die Entwicklung vieler anderer psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Ängste und Zwänge, die im Verlauf des Lebens bei Menschen mit Anorexia nervosa häufig vorkommen. Das Activity Based Anorexia Tiermodell ist das international am weitesten verbreitete Tiermodell für Anorexia nervosa und kombiniert eine Futterreduktion mit der Verfügbarkeit eines Laufrades. Bestimmte Tiere (hier Wistar-Ratten) laufen bei Hunger vermehrt – ähnlich wie Patientinnen mit Anorexia nervosa, die einen Bewegungsdrang entwickeln. Sie zeigen weitere sehr ähnliche körperliche Veränderungen wie Gewichtsabnahme, Temperaturreduktion, den Verlust der Regelblutung und andere hormonelle Veränderungen. Damit werden sie als gutes Modell für die körperlichen Veränderungen bei der Magersucht angesehen, mit einer hohen Vergleichbarkeit zwischen Tier und Patient.

Mit der Versuchsreihe konnte eine Reihe von Erkenntnissen gewonnen werden

Die Forscher konnten in Versuchen mit diesem Tiermodell bereits nachweisen, dass auch hier das Gehirnvolumen um sechs bis neun Prozent reduziert ist, also ähnlich wie bei den Patientinnen. Auch bei Patientinnen wurden mit ihrem Einverständnis und dem der Eltern Magnetresonanzmessungen, also ohne Strahlenbelastung durchgeführt, mit denen aber nicht der Mechanismus der Hirnveränderungen aufgeklärt werden kann. Nur durch die Tierversuche konnte festgestellt werden, dass es im Gehirn zu einem starken Verlust an Astrozyten kommt. Diese Zellen ernähren, modulieren und unterstützen die Nervenzellen im Gehirn, ihr Verlust kann die Symptome von Patientinnen mit Anorexia nervosa erklären helfen. Ein wichtiges positives Ergebnis war zudem, dass eine Normalisierung des Gewichtes auch zu einer Normalisierung der Gehirnstrukturen und der Astrozytenzahl beiträgt – solange sie früh genug erfolgt. Des Weiteren konnten die Forscher zeigen, dass es auch im Tiermodell zu einem Verlust an Östrogen kommt, und dass dieser mit eingeschränkter Lernfähigkeit einhergeht. Dies kann die großen Schwierigkeiten von Patientinnen mit Anorexia nervosa erklären, von Psychotherapie zu profitieren und sich auf neue Verhaltensweisen einzulassen. Zellkulturmodelle wie z.B. sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPSCs) stellen aktuell noch keine komplette Alternative zu Tierversuchen dar. Sie können zwar bei der Erforschung der genetischen Grundlagen helfen, zurzeit jedoch noch keine komplexen Zusammenhänge wie Gehirnstrukturveränderungen oder Verhaltensmodifikationen bei Anorexia nervosa aufklären helfen.

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