Institutsphilosophie

An der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen wird das Querschnittsfach „Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin" (GTE) – anders als an Standorten wie Köln, Lübeck, Münster, Mainz oder Erlangen, wo der Bereich mit zwei unterschiedlich ausgerichteten Professuren ausgestattet ist – durch ein Ordinariat vertreten.

Dieser Umstand hat uns zu folgenden Überlegungen geführt:

Integrative Sicht auf die wissenschaftlichen Teildisziplinen Medizingeschichte, Medizintheorie und Medizinethik („Verzahnung der Teildisziplinen")

Wir gehen von der Annahme aus, dass das Wissen um historische Zusammenhänge und theoretische Grundlagen der Medizin in vielen Fällen eine zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Bearbeitung medizinethischer Problemfelder darstellt. Wir verfolgen daher in Forschung und Lehre das Ziel, die wissenschaftlichen Teilgebiete Medizingeschichte, Medizintheorie und Medizinethik immer dann, wenn es thematisch möglich und sinnvoll erscheint, zu verzahnen. Auch die Buchreihen des Instituts („Anthropina – Aachener Beiträge zur Geschichte, Theorie & Ethik der Medizin", LIT Verlag Münster; „Humandiskurs – Medizinische Herausforderungen in Geschichte und Gegenwart", MWV Berlin; „Todesbilder", Campus Verlag Frankfurt/New York) und teilweise auch die „Studien des Aachener Kompetenzzentrums für Wissenschaftsgeschichte" (kassel university press) folgen dieser Programmatik. Beispiele im Bereich der Forschung bieten das laufende Projekt „Transmortalität", das medizinhistorische und medizinethische Arbeitspakete enthält, die miteinander verwoben sind, das Projekt „Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft", welches historische und aktuelle Zielsetzungen verbindet oder unsere neuen Projekte zur Aufarbeitung der NS-Zeit, die auch Gegenwartsbezüge (z. B. heutiger Umgang mit Opfern) herstellen.

Genauso wichtig ist es uns allerdings einzuräumen, dass nicht alle medizinhistorisch relevanten Themen Verbindungslinien zu medizinethischen Fragen aufweisen. Ebenso wenig ist für jede medizinethisch relevante Fragestellung eine historische Untersuchung sinnvoll. Dies bedeutet, dass wir auch künftig (unbeschadet einer integrativen Sicht auf GTE) Forschungsfragen verfolgen werden, die ausschließlich in der Geschichte, in der Ethik oder in der Theorie angesiedelt sind. Beispiele liefern Buchreihen, die sich explizit mit spezifischen medizinethischen Fragen („Medizin – Technik – Ethik" und „Aachener Beiträge zur Klinischen Ethik", beide kassel university press) bzw. mit einem medizinhistorischen Themenfeld („Medizin und Nationalsozialismus", LIT Verlag Münster) befassen.

Offenheit für bereits etablierte Forschungsschwerpunkte vor Ort – interdisziplinäre Ausrichtung der Forschung – Brückenschlag zu anderen Fakultäten

Das Querschnittsfach „Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin" mit seinen drei Teilbereichen besitzt im Vergleich zu „klassischen" Einzelfächern eine wesentliche Besonderheit: Es ist in hohem Maße anschlussfähig an andere Fachdisziplinen und fachübergreifende Themenstellungen.

Dem Fach GTE in seiner Bedeutung als „Medical Humanities" kommt demzufolge unseres Erachtens auch die Funktion zu, Brücken zu verschiedenen klinischen Disziplinen zu schlagen und fakultätsübergreifende Kontakte herzustellen. Beide Aspekte versuchen wir in unserer Arbeit zu berücksichtigen. Ausdruck dieses Bemühens ist auch die Tatsache, dass es sich bei mehreren Forschungsprojekten, Tagungen und Lehrinitiativen unseres Instituts um interdisziplinäre Vorhaben handelt.

Forschen und Publizieren im Team

Mittlerweile (Stand: 2014) wird die weit überwiegende Zahl der am Institut realisierten Publikationen von Autorenteams erarbeitet. Dies wird durch den Umstand begünstigt, dass wir zu bestimmten Schwerpunktthemen des Instituts (Thanatologie, Medizin im „Dritten Reich", Global Health, Technikakzeptanz, Pränatalmedizin) Projektgruppen gebildet haben, deren Mitglieder jeweils ähnliche oder angrenzende Themenstellungen verfolgen. Auch werden die am Institut entstehenden Buchveröffentlichungen – selbst wenn es sich nicht um Gemeinschaftsprojekte handelt – in der Regel von verschiedenen Teammitgliedern Korrektur gelesen, um so das wechselseitige Verständnis für die Forschungsaktivitäten der Kollegen zu stärken und gemeinsame Interessen auszuloten.

Primat anwendungsbezogener Forschung

Heilkunde und medizinische Wissenschaft wirken teilweise in erheblichem Maße auf gesellschaftliche Entwicklungen ein oder stehen mit diesen in einer engen wechselseitigen Beziehung. Daher ist es unser Anliegen, klinisch bzw. gesellschaftlich relevanten Forschungsthemen besonderen Raum zu geben. Dies trifft insbesondere für die Bereiche Medizinethik und Medizintheorie zu. Beispiele sind unsere Forschungsfelder Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen, Stigmatisierung von Patienten im medizinischen Kontext (z. B. intersexuelle Menschen, Menschen mit Geschlechtsdysphorie, Patienten mit HIV/AIDS oder an Anorexie erkrankte Patienten, Disability und Medizin). Aber auch unter den medizinhistorischen Forschungsschwerpunkten überwiegen an unserem Institut Themen, die Verbindungslinien zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen aufweisen. Dies gilt z. B. für die Entwicklung der Neurowissenschaften, die Professionalisierung der Gesundheitsberufe, den Wandel im medizinischen Umgang mit der menschlichen Leiche oder die weitere Aufarbeitung der Medizin im „Dritten Reich" und den Umgang mit ihren Opfern in der Bundesrepublik.

Öffentlichkeitsarbeit und wissenschaftliche Dienstleistungen

Wenngleich es unser erstes Ziel ist, Forschungsprojekte oder -ergebnisse in Fachbüchern und -organen zu veröffentlichen, sehen wir es auch als unsere Aufgabe an, entsprechende Resultate in den Medien bzw. im Rahmen öffentlichkeitswirksamer Maßnahmen zu kommunizieren und als Fachvertreter für gesundheitspolitische Gremienarbeit zur Verfügung zu stehen. Dies gilt vor allem für Neuerungen mit ethischen Implikationen bzw. gesellschaftlichen Rückwirkungen. Aus denselben Gründen stehen immer mehr der von uns publizierten Bücher online zur Ansicht.