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Gesundheit und Risikoverhalten gewaltbetroffener Männer – sektorübergreifende Strategien zur medizinischen Intervention und Prävention

Projektübersicht:

Erste Erfahrungen in der Gesundheitsversorgung weiblicher Gewaltopfer zeigen, dass eine gewaltinformierte Gesundheitsversorgung die Detektionsrate von Gewaltbelastungen erhöhen, die Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung verbessern und die Inanspruchnahme spezialisierter Hilfen steigern kann (Steffens 2012). Langjährige Erfahrungen der Gewaltinterventionsarbeit und internationale Forschungsergebnisse im Feld belegen eindrücklich die Bandbreite gesundheitlicher Folgen und ihre Langfristigkeit bei Frauen. Für die Versorgung männlicher Gewaltopfer existieren kaum Daten oder Interventionskonzepte. Gerade frühkindliche Gewalterfahrungen können jedoch erhebliche körperliche und psychische Auswirkungen haben und bei Männern nicht selten im Erwachsenenalter zu Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen mit einer eigenen Gewaltproblematik führen. Zur Prävention von späterer Gewalt ist daher die Unterstützung männlicher Opfer essentiell. Primäres Ziel des aktuellen Projektes ist es daher, geschlechtsspezifische Gewaltbelastungen, Gesundheits- und Risikoverhalten männlicher Gewaltopfer und den Versorgungsbedarf zu adressieren. Dies erfolgt in 3 Phasen:

beteiligte Institution:

GESINE Netzwerk Gesundheit.EN

GESINE wurde im Jahre 2004 in Trägerschaft des Vereins Frauen helfen Frauen EN e.V. gegründet und steht seitdem für die gezielte Gesundheitsförderung nach Gewaltwiderfahrnissen. Laut Weltgesundheitsorganisation gehört Gewalt zu den größten Gesundheitsbelastungen im Leben von Frauen. Aber auch Männer erleben körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß. Gewalt hat nicht nur erheblichen und langfristigen Einfluss auf die Gesundheit der Betroffenen – sie ist auch weit verbreitet. Daher spricht die WHO von einem Gesundheitsrisiko epidemischen Ausmaßes und fordert Ärztinnen und Ärzte auf, sich für eine gewaltinformierte Versorgung zu qualifizieren. Seit 2004 unterstützt GESINE Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und viele andere Gesundheitsberufe darin, Gewaltbelastungen frühzeitig zu erkennen und die Betroffenen leitliniengerecht zu versorgen. Mit GEWINN Gesundheit hat GESINE ein modulares Programm gewaltinformierter Versorgung entwickelt, das an die Behandlungssettings  unterschiedlichster medizinischer Fachdisziplinen angepasst werden kann.  Darüber hinaus entwickelt GESINE gewaltinformierte Kurzzeitinterventionen, die den Betroffenen eine gezielte und bedarfsorientierte Beratung zur Überwindung der Gewaltfolgen bietet. Somit zielt GESINE darauf, der Komplexität der gewaltbedingten Gesundheitsbelastungen durch einen holistischen und zugleich differenzierten Versorgungsansatz zu begegnen. GESINE wurde hierfür mehrfach ausgezeichnet und erhielt unter anderem den LWL Gesundheitspreis, die Aufnahme der Geschäftsführerin und GESINE Gründerin in die ASHOKA Fellowship wegen herausragender Leistungen als social Entrepreneur und die Auszeichnung als Ort im Land der Ideen. Das Robert Koch Institut führt GESINE als „Gute Praxis“ im Themenheft 42 und die Expertise des Netzwerks ist in zahlreichen EU Projekten gefragt.

Phasen des G.M.G.R. Projektes:

Prävalenzerhebung: Gewalterfahrungen, riskantes Gesundheitsverhalten und Gewaltverhalten

Erfasst werden Männer in Kliniken, in der Bewährungshilfe und in Täterprogrammen.

Übergreifendes Ziel des vorgelegten Projektes ist es, den Zusammenhang zwischen Gesundheitsbelastungen, Gewalterfahrungen und Risikoverhalten bei männlichen Patienten und Gewalttätern zu erfassen und Strategien medizinischer Prävention, Intervention und psychosozialer Unterstützung zu entwickeln und zu erproben. Ein besonderer Interventionsschwerpunkt wird hierbei auf männliche Gewalt im Geschlechterverhältnis gelegt. Damit dient dieses Ziel sowohl der Gesundheitsvorsorge als auch der Gewaltprävention.

Beratungskonzepte: Angebot dezentraler, webbasierter Beratung

Niederschwelliges Unterstützungsangebot via LiveChat zur Direkthilfe!

Orientiert an den Bedürfnissen der jeweiligen männlichen Gewaltopfer soll ein Beratungsangebot für männliche Gewaltopfer und eine überregionale Vernetzung entsprechender Organisationen unter Mitwirkung des Gesine-Interventionsnetzwerks erfolgen.

Schulung und Integration: Interventionsabläufe nachhaltig in den Klinikalltag integrieren.

Eine Anpassung an regionale und klinikinterne Umgebungsfaktoren. Schaffen nachhaltiger, regionaler Vernetzungsstrukturen.

Um ein Erkennen von Gewaltbelastungen und eine entsprechende Versorgung zu gewährleisten, wird sich dieses Projekt auch der Schulung von Fachpersonal in den beteiligten Kliniken widmen. Die wissenschaftlichen Fragestellungen werden sich auf die Evaluierung der unterschiedlichen Konzepte konzentrieren.

Umsetzung

Der Lösungsansatz sieht zunächst eine Prävalenz- und Bedarfsanalyse vor, die ermittelt, wie hoch der Anteil gewaltbetroffener Männer in klinischen Kontexten (mehrere Kliniken) sowie bei straffälligen Gewalttätern ist. Dafür werden sektorübergreifende Kooperationen mit Täterprogrammen und der Bewährungshilfe genutzt. Zudem sollen gewaltausübende Beziehungspartner, die ein Täterproramm durchlaufen, nach potentiellen eigenen Gewalterfahrungen befragt werden. Des Weiteren wird erhoben, ob und wie ein Zusammenhang zwischen Gewaltwiderfahrnissen zu Gewaltanwendung besteht und welche Gesundheitsbelastungen damit assoziiert sind. Die Befragung soll einerseits den Beratungsbedarf der Betroffenen erheben und andererseits die Bereitschaft bzw. Offenheit zur Annahme von Beratungsangeboten und die Vorstellungen zu Art und Dauer einer solchen evaluieren.

Zudem werden regional übergreifend in mehreren Kliniken von Aachen bis zum Ennepe-Ruhrkreis Hilfsangebote erprobt und wissenschaftlich evaluiert, die sich der gesundheitlichen und psychischen Folgen annehmen und spezifisch für männliche Gewaltopfer konzipiert sind. Ein weiteres Angebot erfolgt webbasiert durch einen Echtzeit-Chat, der die therapeutischen Interventionen über Internet ermöglicht. Eine Gewaltproblematik bei gleichzeitiger vorausgehender Gewaltopfererfahrung erfordert interventionell zusätzliche motivationale Unterstützungskomponenten, die jedoch zur Vermeidung weiterer Gewaltausübung präventionsrelevant sind. Das Beratungs- und Unterstützungsangebot erfolgt eng angelehnt an die Prävalenz- und Bedarfsanalyse.

Die begleitende Evaluationsforschung dient dem Zweck, die Annahme eines solchen Angebotes zu ermitteln und einen Vergleich der Effektivität der Unterstützungskonzepte zu liefern.

Kontextspalte

Wir danken für die freundliche Unterstützung