AGITATE-Studie

Aufgrund der direkten Anbindung des Lehrstuhls an die Versorgungsinfrastruktur des Franziskushospitals Aachen können aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft direkt in die klinische Praxis umgesetzt werden – ganz im Sinne der Versorgungsforschung. Gleichzeitig sollen hier auch Informationen gewonnen werden, die im Rahmen von klinischen Studien zu einem weiteren Wissenszuwachs führen. Vor diesem Hintergrund ist im Januar 2018 die erste klinische Studie des Lehrstuhls zur Arzneimitteltherapiesicherheit unter Leitung des Apothekers Mathias Freitag an den Start gegangen. Die Apotheker-Stiftung Nordrhein fördert die Studie über zwei Jahre mit 14.000 Euro.

Die Anwendungsbeobachtung mit dem Titel „The Pharmacist in the Acute Geriatric Inpatient Treatment Team – Impact on Rehospitalization and Transsectoral Communication“ (AGITATE) ist eine Kooperation zwischen dem Lehrstuhl für Altersmedizin und der Apotheke der Uniklinik RWTH Aachen unter der Mitbetreuung von Chefapotheker Dr. rer. nat. Albrecht Eisert. Das Ziel ist eine optimierte Arzneimittelversorgung älterer Menschen durch die zusätzliche Beratung der Ärzte, der Patienten und der Angehörigen durch einen Krankenhausapotheker auf der geriatrischen Station, die ggf. zur Aufdeckung von Medikationsfehlern und Über- oder Untertherapie dieser besonderen Patientengruppe beitragen kann. Hierbei wird unter anderem untersucht, ob dies zu einer Verhinderung von Krankenhauseinweisungen, einer Erhöhung der im vertrauten Umfeld verbrachten Tage (sog. „Days spent at Home“) und damit insgesamt zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt. Weiterhin wird auch die Kommunikation und der Informationstransfer zwischen den Heilberuflern im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich unter die Lupe genommen.

Dabei wurde das Projekt als Implementierungsstudie konzipiert, die das Etablieren einer solchen Dienstleistung und die möglichen positiven Folgen für Patienten und Kollegen untersuchen soll. Die Kontrollphase, in der lediglich die Arzneimittelanamnese erhoben wurde (s.u.), lief von Januar bis September 2018. In der Implementierungsphase von November 2018 bis August 2019 wird das volle Spektrum der geplanten pharmazeutischen Dienstleistungen für alle teilnehmenden Studienpatienten etabliert.

Dieses gliedert sich dabei in folgende Schritte auf:

  1. Arzneimittelanamnese:  Durch Einholen der Medikationsdaten vom Hausarzt, den Fachärzten sowie der Stammapotheke wird gemeinsam mit dem Patienten bzw. den Angehörigen die zu Hause eingenommene Medikation rekonstruiert. Dies wird mit den Verordnungsdaten im Franziskushospital abgeglichen, Entscheidungen von vorbehandelnden Kliniken werden dabei berücksichtigt. Dieser Vergleich dient dazu, mögliche Übertragungsfehler bei der Aufnahme zu entdecken, damit wichtige Medikamente nicht vergessen oder verwechselt werden. Somit erfolgt hier bereits im Sinne des „Medication Reconciliation“ eine Fehlerreduktion an der Schnittstelle zum Franziskushospital.
  2. Adhärenz-Besprechung und UAW-Detektion: Im Rahmen eines strukturierten Interviews werden Probleme erfragt, welche die Therapietreue (sog. Adhärenz) negativ beeinflussen können: So werden zum Einen das Vergessen von Arzneimitteln bspw. zu bestimmten Tageszeiten und zum Anderen mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) zusammen mit dem Patienten angesprochen, die den Therapieerfolg gefährden könnten. Diese patientenindividuellen Probleme finden in der folgenden Medikationsanalyse Berücksichtigung.
  3. Medikationsanalyse und Pharmakologisches Konsil: Hierbei wird in einer detaillierten Literaturrecherche nach 19 vordefinierten Kriterien geprüft, ob es bei der Medikation Verbesserungspotential gibt: Dazu gehören bspw. das Prüfen auf Neben- und Wechselwirkungen oder eine notwendige Dosisanpassung wegen einer verschlechterten Nierenfunktion. Häufig werden auch Arzneimittel identifiziert, die nicht mehr notwendig sind und abgesetzt werden können, die Nebenwirkungen von anderen Arzneimitteln therapieren oder die generell für ältere Patienten ungeeignet sind, weil hier die Nebenwirkungsrate deutlich höher ist. Letztendlich soll mit diesem Pharmakologischen Konsil ein Vorschlag für ein Medikationsregime erarbeitet werden, mit dem durch eine reduzierte Tablettenlast, einer geringeren Zahl an Einnahmezeitpunkten und weniger UAW einerseits der Patient zufrieden ist, aber andererseits auch der behandelnde Arzt alle Erkrankungen sinnvoll und an die Patientensituation angepasst abgedeckt sieht.
  4. Pharmakologische Visite:Die Änderungsvorschläge der Medikationsanalyse werden zunächst im Sinne einer gemeinsamen Entscheidungsfindung mit dem Patienten besprochen und seine Zustimmung dazu eingeholt. Bei Unklarheiten wird ggf. mit dem Hausarzt oder vorbehandelnden Ärzten Rücksprache gehalten. Anschließend wird das Pharmakologische Konsil mit den behandelnden Ärzten auf der Station diskutiert und Änderungen ggf. übernommen. Der Patient wird während des Aufenthaltes neben der ärztlichen Visite zusätzlich durch den Apotheker beobachtet, um positive oder negative Einflüsse der Medikationsänderungen zu erfassen und im letzteren Fall darauf zu reagieren.
  5. Beratung: Dem Patienten werden alle verordneten Arzneimittel ausführlich hinsichtlich Wirkung, Indikation und Anwendungshinweisen erklärt, um das Verständnis für die Arzneimitteltherapie und dadurch die Therapietreue zu fördern. Die Anwendung von besonderen Arzneiformen wie bspw. Inhalatoren oder Schmerzpflastern wird anhand von Demonstrationsgeräten intensiv geübt, um eine richtige Durchführung durch den Patienten zu gewährleisten. Der Apotheker steht dem Patienten für Rückfragen jederzeit zur Verfügung.
  6. Entlassgespräch und Pharmakologisches Konsil im Arztbrief: Zuletzt wird im Arztbrief unter den Medikationsempfehlungen an den Hausarzt der Abschnitt „Pharmakologisches Konsil“ durch den Apotheker verfasst. Hier soll dem Hausarzt die Entscheidungsfindung für oder gegen ein Arzneimittel dargelegt werden, damit er alle Informationen für seine Weiterbehandlung zur Verfügung hat und Therapieentscheidungen im Franziskushospital nachvollziehen und bewerten kann. Hierdurch soll ebenfalls die Kommunikation an der Schnittstelle zur ambulanten Weiterbehandlung verbessert werden. Außerdem erhält der Patient im Rahmen eines Entlassgesprächs einen bundeseinheitlichen Medikationsplan in patientenverständlicher Sprache. Die Entlassmedikation wird abschließend mit ihm besprochen und noch ausstehende Fragen beantwortet.

Die Patienten werden sowohl in der Kontroll- als auch in der Implementierungsgruppe nach der Entlassung über sechs Monate begleitet. In dieser Zeit werden die Wiedereinweisungen ins Krankenhaus, die arzneimittelbedingten Krankenhauseinweisungen, die „Days spent at home“ und die Übernahme der vom Franziskushospital empfohlenen Arzneimitteltherapie durch den Hausarzt erfasst.

Im Zuge der statistischen Auswertung soll überprüft werden, ob die Dienstleistungen des klinischen Apothekers einen Einfluss auf diese Messpunkte haben. Vor dem Hintergrund der neuen gesetzlichen Verpflichtung zur flächendeckenden Implementierung von Stationsapothekern in Niedersachsen soll dieses Projekt einen Beitrag dazu leisten, diese Versorgungsform weiter wissenschaftlich zu untermauern und den klinischen Apotheker insbesondere in der Geriatrie zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit standardmäßig zu implementieren.