Mathias Schmidt, Dominik Groß und Jens Westemeier

Keywords

Hermann Pook; WVHA DIII; Nürnberger Prozesse; Frankfurter Auschwitz-Prozess; 9. SS-Division „Hohenstaufen“; Aribert Heim (1914-1992); KZ Mauthausen; SD-Hauptamt; SS-Sanitätsamt; Zahngold; Zahnarzt

Organigramm

WVHA DIII

Hermann Friedrich Pook wurde am 1. Mai 1901 als Sohn des Dentisten Friedrich Pook und dessen Ehefrau Klara, geborene Litzenberg, in Berlin geboren. Eine politische Betätigung oder Radikalisierung in der Weimarer Republik ist nicht festzustellen. Nach dem Besuch des Real-Gymnasiums in Berlin-Lichterfelde nahm er 1921 das Studium der Zahnheilkunde an der Universität Berlin auf, das er 1925 nach acht Semestern mit dem Staatsexamen abschloss. Die Approbation als Zahnarzt wurde ihm am 2. Mai 1925 erteilt. 1927 promovierte er mit der Arbeit „Über die Kombination von Missbildungen der Mundbucht mit anderen“ zum Dr. med. dent. In Berlin-Lichterfelde eröffnete er in der Undinestraße 7 am Händelplatz zusammen mit seinem Vater eine eigene Zahnarztpraxis. Im Juni 1927 heiratete er Ilse Schwarz (*20.11.1902).[i]

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beantragte Pook seine Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Mai 1933 Parteimitglied (Mitgliedsnr. 2.645.140). Im Juni 1933 trat er außerdem in die SS ein und wurde Mitglied des 2. Reitersturms der SS-Reiterstandarte 6. Innerhalb der SS besuchte Pook diverse Kurse, u.a. beim Sanitätssturm des SS-Oberabschnitts Ost (Berlin), und wurde anschließend als Zahnarzt in verschiedenen Einheiten eingesetzt, darunter in der Sanitätsstaffel des SD-Hauptamtes. Im April 1938 trat Pook aus der evangelischen Kirche aus und bekannte sich zur SS-eigenen „Gottgläubigkeit“. In schneller Folge wurde Pook zum SS-Obersturmführer und SS-Hauptsturmführer befördert. Mit dem Eintritt in ein hauptamtliches SS-Dienstverhältnis am 1. Juli 1941 wurde er zum zahnärztlichen Dienst der Waffen-SS im SS-Sanitätsamt versetzt.[ii]

Vom 15. April 1942 bis zum 1. Februar 1943 war er „Leitender Zahnarzt“ der SS-Zahnstation in Berlin, bevor seine Versetzung zur 9. SS-Panzerdivision „Hohenstaufen“ als Divisionszahnarzt erfolgte.[iii] Angaben, wonach Pook zeitweise Lagerzahnarzt im KZ Mauthausen gewesen sei, sind nachweislich nicht zutreffend; sie basieren auf einer Aussage im Zuge von Ermittlungen gegen den KZ-Arzt Aribert Heim (1914-1992), in dem Pooks Name fälschlicherweise genannt wurde.[iv]

Pook übernahm am 3. September 1943 den Posten des „Leitenden Zahnarztes“ im WVHA, Abteilung DIII in Oranienburg. Damit war Pook der Vorgesetzte aller KZ-Zahnärzte in medizinischen Fragen und für alle zahnärztlichen Belange in den Konzentrationslagern zuständig und verantwortlich.[v] Pooks Aufgabe bestand in der Überprüfung der Monatsberichte der KZ-Zahnärzte sowie deren Zusammenfassung. Anschließend leitete er diese nach eigener Aussage an die Amtsgruppe D/Sanitätswesen der Waffen-SS im SS-Führungshauptamt weiter, dem er in sanitätsdienstlichen Fragen unterstellt war. Des Weiteren prüfte Pook die Abrechnungen von Zahnbehandlungen und genehmigte die monatlichen Bestellungen von Verbrauchsmaterialien der jeweiligen Lagerzahnärzte aus dem Hauptsanitätslager der SS in Berlin. Außerdem inspizierte er die Konzentrationslager bzw. die jeweiligen Zahnstationen. Inspektionsfahrten führten ihn nachweislich in die Konzentrationslager Auschwitz, Sachsenhausen, Mittelbau-Dora, Buchenwald und Mauthausen. Durch die Berichte, Materialbestellungen und Inspektionsreisen wusste Pook ganz genau um die Situation der Gefangenen in den Konzentrationslagern. Darüber hinaus liefen die Berichte über das den ermordeten Häftlingen entnommene Zahnbruchgold über seinen Schreibtisch. Zentrale Stelle der Koordination der Goldverwertung war das WVHA.[vi]

Am 8. April 1947 eröffnete der US-amerikanische zweite Militärgerichtshof den vierten Nürnberger Nachfolgeprozess gegen den Chef des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und 17 seiner ehemaligen Mitarbeiter, darunter auch Hermann Pook. Er betonte wiederholt, dass er lediglich für die fachlichen zahnmedizinischen Belange der Konzentrationslager zuständig gewesen sei und keine Kommandogewalt besessen habe, sondern vielmehr nur als Drehscheibe diesbezüglicher Befehle fungiert habe. Deshalb habe er auch von den Ereignissen in den Vernichtungslagern nichts gewusst.[vii] Pook wurde schließlich am 3. November 1947 zu zehn Jahren Haft verurteilt.[viii]

Bereits Ende Januar 1951 wurde er begnadigt und wenige Tage später aus dem Gefängnis in Landsberg entlassen. Seine Familie hatte bis dahin wahrscheinlich in Gorenzen im Südharz gelebt. Was mit Pooks Vermögen und seiner Praxis in Berlin geschah, konnte bisher nicht ermittelt werden. 1955 wohnte er nachweislich wieder in Berlin. Aufgrund der Verurteilung in Nürnberg und der anschließenden Haft in Landsberg hatte er sich keiner Spruchkammer bzw. keiner „Entnazifizierung“ zu stellen. Auch konnte er in der Bundesrepublik Deutschland nicht weiter belangt werden. Er stellte einen Antrag auf Entschädigung als Kriegsgefangener und ließ sich im norddeutschen Hemmingstedt (Holstein) nieder, wo er eine Praxis eröffnete und wieder als Zahnarzt tätig wurde; in Berlin hatte er einen Zweitwohnsitz angemeldet. Ab 1970 lebte er in Itzehoe. Im Rahmen der Voruntersuchungen zum 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess holte Pook die Vergangenheit noch einmal ein. Er wurde als Zeuge vorgeladen und am 13. März 1962 in Hamburg vernommen, seine Aussage wurde später im Prozess verlesen.[ix]

Pook starb am 31.10.1983 in Glückstadt.[x]

 


[i] Lebenslauf Hermann Pooks vom 05.10.1940, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 8; Abschrift der Promotionsurkunde, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 13; Abschrift der Erteilung der Approbation, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 14; Protokoll der Aussage Hermann Pooks in Nürnberg am 02.07.1947, Bay StA Nürnberg, KV Prozesse-Fall 4, Verfahrensprotokoll.

[ii] Karteikarte Dr. Hermann Pook in der NSDAP-Zentralkartei, BA Berlin R9361-VIII/16161080; Lebenslauf Hermann Pooks vom 05.10.1940, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 8; Aussage Hermann Pooks in Nürnberg am 02.07.1947, Bay StA Nürnberg, KV Prozesse-Fall 4, Verfahrensprotokoll; SS-Führerstammblatt Hermann Pook, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 1; Mitteilung der hauptamtlichen Anstellung Pooks in der SS vom 14.07.1941, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 18.

[iii] Aktennotiz vom 23.04.1942, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 21; Schreiben des SS-Führungshauptamtes/SS-Sanitätsamt an die SS-Standortkommandantur Berlin vom 29.01.1943, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 22.

[iv] Vernehmung Pooks durch Kriminalhauptkommissar Ädtner am 21.04.1976 bezüglich Aribert Heim, BA Ludwigsburg B162/4062, Bl. 230 bzw. 526.

[v] Schreiben des SS-Führungshauptamtes/Amtsgruppe D (Sanitätswesen der Waffen-SS) vom 06.09.1943, BA Berlin, BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901], Bl. 23; Abschrift des Stabsbefehls Nr. 1 des Amtsgruppenchefs D/Konzentrationslager Richard Glücks vom 16.03.1942, abgedruckt in Tuchel (1994), S. 90f.; Aussage Hermann Pooks in Nürnberg am 03.07.1947, Bay StA Nürnberg, KV Prozesse-Fall 4, Verfahrensprotokoll; Tuchel (1991), S. 285-287; Bromberger/Mausbach (1985), S. 214-216; Hahn (2015), S. 366f., 376f.; Kempner (1987), S. 139.

[vi] Aussage Hermann Pooks in Nürnberg, Bay StA Nürnberg, KV Prozesse-Fall 4, Verfahrensprotokoll; Vernehmung Pooks am 13.03.1962, HHStA Wiesbaden, 461, Nr. 37638/64; Schreiben SS-WVHA an Himmler vom 08.10.1942 bezüglich der Verwendung von Zahngold verstorbener Häftlinge, abgedruckt in Schnabel (1957), S. 254, und KdAW (2014), S. 297; Banken (2009), S. 569-641; Schulz (1989), S. 61-76; Kempner (1987); Strzelecki (2000), S. 101-115.

[vii] Aussage Hermann Pooks in Nürnberg, Bay StA Nürnberg, KV Prozesse-Fall 4, Verfahrensprotokoll; Aussage Hermann Pooks während der Vernehmung in Nürnberg am 13.11.1946 und 12.12.1946, Bay StA Nürnberg: KV Anklage-Interrogations, P68; Schriftsatz für den Angeklagten Dr. Hermann Pook im Fall Nr. 4 gegen Oswald Pohl u.a. von Paul Ratz vom 12.07.1948, S. 13, BA Koblenz, B 305/4336.

[viii] Schulte (2013), S. 77; Tuchel (1994), S. 84, 86; Tuchel (1999); Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main in der Strafsache gegen Mulka u.a. vom 19./20.08.1965, Bl. 44-46, abgedruckt in Gross/Renz (2013), S. 575-1208, hier S. 618f.

[ix] Anfrage zur Erstattung der Kosten des Honorars durch die Zentrale Rechtsschutzstelle des Bundes-Justizministeriums von Paul Ratz vom 16.08.1950, BA Koblenz, B305/4336; Abschrift des Schreibens vom Bezirksamt Berlin Steglitz an die Zentrale Rechtsschutzstelle Bonn vom 25.08.1955 bezüglich des Antrags auf Entschädigung von Hermann Pook, BA Koblenz, B305/4336; Mitteilung der Ordnungsabteilung der Stadt Itzehoe an Jens Westemeier: Eintrag Hermann Pook, Az168/1983; Vernehmung Hermann Pooks durch Landgerichtsrat Dr. Düx am 13.03.1962, HHStA Wiesbaden, 461, Nr. 37638/64, Bl. 11.858-11.863.

[x] Mitteilung der Ordnungsabteilung der Stadt Itzehoe an Jens Westemeier: Eintrag Hermann Pook, Az168/1983.

Mathias Schmidt, Dominik Groß, Jens Westemeier, Dr. Hermann Pook – „Leitender Zahnarzt“ der Konzentrationslager, in: Dominik Groß, Jens Westemeier, Mathias Schmidt, Thorsten Halling, Matthis Krischel (Hrsg.), Zahnärzte und Zahnheilkunde im „Dritten Reich“. Eine Bestandsaufnahme, Berlin/Münster 2018 (= Medizin und Nationalsozialismus, 6), S. 113-127.
Dominik Groß, Hermann Pook – der einzige in Nürnberg angeklagte Zahnarzt, Zahnärztliche Mitteilungen 110 (2020), 1-2, S. 28-31.

Archivgut

BA Berlin: BDC, SSO Hermann Pook [01.05.1901]; NSDAP-Zentralkartei, R9361-VIII/16161080; BA Koblenz: B305/4336, Zentrale Rechtsschutzstelle, Akte Hermann Pook; BA Ludwigsburg: B162/4602, Ermittlungsverfahren gegen Aribert Heim; HHStA Wiesbaden: 461, Nr. 37638/64, Ermittlungssache Staatsanwaltschaft Frankfurt/Main gegen Baer u.a.; Bay StA Nürnberg: KV Anklage-Interrogations, P68; Bay StA Nürnberg: KV Prozesse-Fall 4; Ordnungsabteilung der Stadt Itzehoe: Eintrag Hermann Pook, Az168/1983.
Foto: Stadtarchiv Nürnberg, A80-280.

Referenzen

Banken (2009): Ralf Banken, Edelmetallmangel und Großraubwirtschaft. Die Entwicklung des deutschen Edelmetallsektors im „Dritten Reich“ 1933-1945, Berlin 2009.

Bromberger/Mausbach (1985): Barbara Bromberger, Hans Mausbach, Die Tätigkeit von Ärzten in der SS und in den Konzentrationslagern, in: Barbara Bromberger, Hans Mausbach, Klaus-Dieter Thomann (Hrsg.), Medizin, Faschismus und Widerstand. Drei Beiträge (= Kleine Bibliothek, 305), Köln 1985, S. 186-262.

Gross/Renz (2013): Raphael Gross, Werner Renz (Hrsg.), Der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965). Kommentierte Quellenedition, 2 Bände (= Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, 22), Frankfurt/Main, New York 2013.

Hahn (2015): Judith Hahn, Grawitz, Genzken, Gebhardt. Drei Karrieren im Sanitätsdienst der SS, 2. Aufl. Münster 2015.

KdAW (2014): Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der Deutschen Demokratischen Republik (Hrsg.), SS im Einsatz. Eine Dokumentation über die Verbrechen der SS, Reprint der 8. Aufl. 1964, 2. Aufl. Berlin 2014.

Kempner (1987): Robert M. W. Kempner, SS im Kreuzverhör, Nördlingen 1987.

Schnabel (1957): Raimund Schnabel, Macht ohne Moral. Eine Dokumentation über die SS, Frankfurt/Main 1957.

Schulte (2013): Jan Erik Schulte, Im Zentrum der Verbrechen: Das Verfahren gegen Oswald Pohl und weitere Angehörige des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes, in: Kim C. Priemel, Alexa Stiller (Hrsg.), NMT. Die Nürnberger Militärtribunale zwischen Geschichte, Gerechtigkeit und Rechtschöpfung, Hamburg 2013, S. 67-99.

Schulz (1989): Wilhelm Schulz, Zur Organisation und Durchführung der zahnmedizinischen Versorgung durch die Waffen-SS in den Konzentrationslagern während der Zeit des Nationalsozialismus, Diss. med. Bonn 1989.

Strzelecki (2000): Andrzej Strzelecki, Die Verwertung der Leichen, Hefte von Auschwitz 21 (2000), S. 101-164.

Tuchel (1991): Johannes Tuchel, Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der „Inspektion der Konzentrationslager“ 1934-1938 (= Schriften des Bundesarchivs, 39), Boppard am Rhein 1991.

Tuchel (1994): Johannes Tuchel, Die Inspektion der Konzentrationslager 1938-1945. Das System des Terrors (= Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, 1), Berlin 1994.

Tuchel (1999): Johannes Tuchel, Fall 4: Der Prozess gegen Oswald Pohl und andere Angehörige des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes, in: Gerd R. Ueberschär, Rainer Achim Blasius (Hrsg.), Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943-1952, Frankfurt/Main 1999, S. 110-120

Stand

09.07.2020

Bibliografische Angabe

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Siehe auch

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