Hintergrund

Bei der Anorexia nervosa (Magersucht) handelt es sich um eine Erkrankung, an der ca. 0,5 – 1 Prozent aller Mädchen und Frauen im Laufe ihres Lebens leiden. Darüber hinaus ist sie die psychische Störung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. In Deutschland haben die stationären Aufnahmen zwischen 2000 und 2014 kontinuierlich zugenommen. Seitdem verbleiben sie auf hohem Niveau. Die Magersucht ist eine schwere psychische Erkrankung, die durch Mangelernährung mit vielen körperlichen und psychischen Begleiterscheinungen wie etwa der Schädigung von Organen, Knochenschwund, Gehirnveränderungen, depressiver Stimmung, Schlafstörungen oder Konzentrationsstörungen einhergehen kann. Daher muss eine Magersucht frühzeitig und intensiv behandelt werden. Je ausgeprägter die Gewichtsabnahme und je länger der Zeitraum der Erkrankung ist, umso schlechter ist die Prognose und umso häufiger treten Rückfälle auf.

Die notwendige Gewichtszunahme, die Aufrechterhaltung dieser mit normalen körperlichen Funktionen (bei Mädchen zum Beispiel das Wiedereinsetzen der Menstruation) und die Verbesserung der psychischen Situation stellen die wichtigsten Behandlungsziele dar. Da die Betroffenen mit zunehmendem Untergewicht eine ausgeprägte Angst vor der Gewichtszunahme entwickeln, sind niederfrequente ambulante Therapieversuche bei längerer und schwerer Erkrankung oft nicht ausreichend. Das übliche Behandlungsverfahren in Deutschland bei Scheitern eines ambulanten Behandlungsversuchs ist nach den aktuellen Leitlinien eine stationäre Krankenhausbehandlung. Der weit überwiegenden Zahl der Patientinnen und Patienten gelingt während des Krankenhausaufenthaltes eine Gewichtsrehabilitation. Dennoch erleiden bis zu 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen innerhalb eines Jahres nach der Entlassung einen Rückfall mit erneuter stationärer Wiederaufnahme.

In einer im Zeitraum von 2017 bis 2019 durchgeführten Pilotstudie, die vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützt wurde, konnte am Uniklinikum Aachen die Machbarkeit und Sicherheit von einer die stationäre Behandlung ersetzenden Behandlung zuhause (Home Treatment) bei jugendlichen Patientinnen und Patienten mit Magersucht zeigen. Es zeigte sich eine hohe Behandlungszufriedenheit, ein kompetenterer Umgang der Patientinnen und Patienten sowie ihrer Eltern mit der Magersucht und eine geringe Rückfallrate (10 Prozent). Zusätzlich ergab sich bezüglich der Behandlungskosten pro Patient eine Ersparnis von ca. einem Drittel gegenüber dem stationären Behandlungsstandard (41.000 Euro vs. 56.000 Euro).