Promotionsstipendien

  • Promotionsprojekt: Ärztliches Selbstverständnis und juristische Aufarbeitung der NS-"Euthanasie" im Spiegel westdeutscher Strafverfolgung (Jürgen Schreiber)
  • Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes (Tim Ohnhäuser)
  • Promotionsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung (Tatjana Grützmann)
  • Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes (Bianca Sukrow)
  • Promotionsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Marystella Ramirez Guerra)

Promotionsprojekt: Ärztliches Selbstverständnis und juristische Aufarbeitung der NS-"Euthanasie" im Spiegel westdeutscher Strafverfolgung

Stipendiat: Jürgen Schreiber, M.A.

Gutachten: Dominik Groß (Vorschlag), Armin Heinen (Zweitgutachter)

Inhalt des Projekts
Das Promotionsvorhaben widmet sich der juristischen Aufarbeitung der NS-"Euthanasie" in der Bundesrepublik Deutschland und folgt dabei einer zweidimensionalen Perspektive, in deren Zentrum Wandel und Kontinuität ärztlicher Rollenbilder sowie die Marginalisierung der Betroffenen stehen.

Im Verlauf der nationalsozialistischen "Euthanasie" sind zwischen 1939 und 1945 bis zu 260.000 behinderte und psychisch kranke Menschen durch Gas, überdosierte Pharmazeutika oder Nahrungsentzug qualvoll ermordet worden. Festzuhalten ist, dass Ärztinnen und Ärzte es waren, die in unmittelbarer Täterschaft oder als Vorgesetzte des beteiligten Pflegepersonals maßgeblich die Verantwortung für die Tötungen trugen und im Verlauf der dezentralen "Euthanasie" auch zunehmend selbst die Initiative ergriffen. Damit verstießen sie gegen ein vermeintlich unumstößliches Paradigma medizinischer Ethik, das im Namen des Hippokratischen Eids menschliches Leben zu bewahren, nicht zu vernichten verlangte.

Im Gegensatz zu den Verteidigungsstrategien anderer Tätergruppen waren es aber keineswegs "Befehl" und "Gehorsam", auf den sich "Euthanasie"-ÄrztInnen vor westdeutschen Gerichten meist beriefen, sondern juristische Argumentationsfiguren wie der vermeintlich "unvermeidbare Verbotsirrtum" oder die "Pflichtenkollision". Anhand justizieller Ermittlungs- und Prozessakten den tatsächlichen Tatmotiven nachzuspüren und auf diese Weise einen längst fälligen Beitrag zur empirischen Täterforschung zu leisten, ist eine zentrale Ambition dieses Vorhabens. wobei insbesondere das ärztliche Selbstverständnis und der medizinische Umgang mit einer äußerst vulnerablen Patientengruppe über die politische Zäsur von 1945 hinweg näher zu beleuchten sein wird.

Angesichts der tragenden Funktion, die der Justiz in einem demokratischen Rechtsstaat zukommt, ist die juristische Aufarbeitung der Verbrechen zudem ein entscheidender Aspekt, den die Forschung zum gesellschaftlichen Umgang mit der NS-"Euthanasie" zu berücksichtigen hat, und der offenbart, dass die moralische Marginalisierung der Verbrechen keineswegs nur auf die Rechtfertigungsstrategien eines betroffenen Berufsstandes beschränkt blieb. Die Urteilspraxis westdeutscher Gerichte, staatsanwaltliche Ermittlungsarbeit und Verfolgungsbereitschaft, aber auch mediale Reaktionen gilt es von daher im historischen Kontext und erstmals systematisch zu analysieren, um auf diese Weise Kenntnis über die Beständigkeit und den Wandel eines Diskurses zu gewinnen, in dessen Zentrum die Frage nach dem vermeintlichen "Unwert" und der Würde behinderter und psychisch kranker Menschen steht.

Laufzeit des Stipendiums: Mai 2010 bis April 2012 (verlängerbar)

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Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes (Tim Ohnhäuser)

Promotionsprojekt: Suizide jüdischer Ärzte im Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung des Lebensendes von Arthur Nicolaier (1862-1942)

Vorschlagendes Gutachten: Dominik Groß, Promotor: Dominik Groß

Inhalt des Projekts
Das Promotionsvorhaben beleuchtet die Hintergründe und Deutungsmuster der Suizide verfolgter "jüdischer" Ärzte im Nationalsozialismus und widmet sich dabei besonders dem Lebensende Arthur Nicolaiers (1862-1942).

In einem ersten Teil soll die Vita des bislang kaum in das Blickfeld wissenschaftshistorischer Untersuchungen gerückten jüdischstämmigen Forschers und Arztes Nicolaier beleuchtet werden; im Mittelpunkt steht hierbei neben den wissenschaftlichen Erfolgen -- insb. der Entdeckung des Tetanus-Erregers -- die Rekonstruktion seines Lebensendes: der zunehmenden Entrechtung, der Verfolgung und des Suizids kurz vor der angeordneten Deportation nach Theresienstadt im August 1942. Möglich wird dies dank einer größeren Zahl von bisher unbekannten, unveröffentlichten und nicht inventarisierten Selbstzeugnissen zu Nicolaier aus Privatarchiven, die im Vorfeld dieses Vorhabens ermittelt und zugänglich gemacht werden konnten.

In einem zweiten Teil gilt es, die am Beispiel Nicolaiers dokumentierte Fallkonstellation -- den Suizid eines jüdischen Arztes in Erwartung der sicheren Deportation -- mit anderen, ebenfalls durch Selbstzeugnisse und Abschiedsbriefe dokumentierbaren Selbsttötungen jüdischer Ärzte zu kontrastieren. Mit Hilfe dieses prosopographischen Ansatzes scheint es möglich, einerseits die "Allgegenwärtigkeit" dieser Selbsttötungen herauszuarbeiten und andererseits die verschiedenen Deutungsmuster -- angefangen vom Suizid als Akt der Verzweiflung über dessen Interpretation als letzter Fluchtweg bis hin zur Deutung als besondere Form der bewussten Entziehung im Sinne einer aktiven Widerstandshandlung -- kritisch zu diskutieren. Dabei wird die Frage nach der Bewertung der Selbsttötungen im engeren sozialen Umfeld sowie im zeitgenössischen ethisch-moralischen Diskurs integrativer Bestandteil der Analyse sein.

In den vergangenen Jahren ist eine verstärkte Aufarbeitung der Ausgrenzung und Verfolgung als "jüdisch" bezeichneter Kollegen aus der deutschen Ärzteschaft zu verzeichnen, insbesondere im Rahmen von Regionalstudien. Parallel dazu erschienen einige Arbeiten, die Suizide in der Zeit des Nationalsozialismus thematisieren. Das Projektvorhaben möchte in den Zwischenraum vorstoßen mit der Betrachtung der ärztlichen Berufsgruppe, die mehr als alle anderen mit den Selbsttötungen konfrontiert war: durch Todesfälle, zu denen Ärzte gerufen wurden; durch Gespräche mit Patienten, die das Thema ansprachen und offen um Medikamente für den "Ernstfall" baten, aber auch durch das ärztliche Fachwissen und den erleichterten Zugang zu tödlichen Medikamenten.

Im November 2008 wurde in vielen Städten der Bundesrepublik öffentlich an den Approbationsentzug und den Pogrom vor 70 Jahren erinnert, von denen viele Ärzte und Wissenschaftler, darunter auch Arthur Nicolaier, betroffen waren. Das beschriebene Promotionsvorhaben versteht sich vor diesem Hintergrund auch als Beitrag zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte (insbesondere zur [Berliner] Universitätsgeschichte) und zur Geschichte der jüdischen Ärzte und ärztlichen Wissenschaftler im "Dritten Reich". Darüber hinaus ist es das Ziel des Projekts, der Suizid-Forschung im Kontext nationalsozialistischer Verfolgung weitere Impulse zu geben.

Laufzeit des Stipendiums: Mai 2009 bis April 2011

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Promotionsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung (Tatjana Grützmann)

Promotionsprojekt: Struktur und Modellbildung Klinischer Ethik-Komitees in Deutschland und den USA. Untersuchungen zur theoretischen Fundierung Klinischer Ethikberatung

Vorschlagendes Gutachten: Dominik Groß, Promotor: Dominik Groß

Inhalt des Projekts
Das Promotionsvorhaben geht aus von der Fragestellung, welche unterschiedlichen Struktu-ren Klinischer Ethik-Komitees (KEKs) in Deutschland und in den USA derzeit existieren. Im Fokus stehen hierbei folgende Aspekte: Beratungsmodelle, Arbeitsweisen, personelle Zusammensetzung und soziokulturelle Faktoren. Es wird untersucht, wie diese Aspekte die Entscheidungsfindung von KEKs lenken und fördern.

Grundlegendes Ziel dieser Arbeit ist es, auf Basis der zu untersuchenden Aspekte prospektiv einen Vorschlag für ein Standardmodell der Klinischen Ethikberatung (KEB) zu erarbeiten, welches basale und einheitliche Strukturen beinhaltet und der methodischen Fundierung Klinischer Ethik-Komitees (KEKs) dient. Dieses Modell soll u. a. folgende Qualitätsmerkmale erfüllen: Handlungssicherheit für KEK-Mitglieder, Akzeptanz auf Seiten der Ärzte und Pflegenden, Anerkennung der Beratung durch betroffene Patienten und Angehörige.

Ausgangsbasis für dieses Vorhaben sind die derzeitigen uneinheitlichen Strukturen von KEKs, die hinsichtlich der Beratungsmodelle (Konzeptepluralismus), der Arbeitsweise (Durchführung von Fallberatungen, Erstellung von Leitlinien) wie auch der Standards für den fachlichen Hintergrund der Berater stark divergieren.

Laufzeit des Stipendiums: April 2009 bis März 2011 (Promotion abgeschlossen)

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Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes (Bianca Sukrow)

Promotionsprojekt: Der Fall des Falles. Textuelle Verfahren in psychiatrischen und literarischen Fallgeschichten

Vorschlagendes Gutachten: Monika Fick und Dominik Groß, Promotorin: Prof. Dr. Monika Fick (Zweitbetreuer: Dominik Groß)

Inhalt des Projekts
Von den Literaturwissenschaften weitgehend unkommentiert erlebt das Hybridgenre der psychiatrischen bzw. neurowissenschaftlichen Fallerzählung seit ca. zwei Jahrzehnten eine Renaissance. Namhafte Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychologen (Oliver Sacks, Vilaynur Ramachandran u.a.) veröffentlichen (populärwissenschaftliche) Werke mit den Geschichten ihrer Patienten und erfahren große Resonanz von Seiten der Leser. Parallel lässt sich auch in der Belletristik ein "Trend zum Fall" nachweisen. Zahlreiche Autoren (zum Beispiel Daniel Kehlmann, Martin Suter und -- ganz aktuell -- Stephan Merrill Block) machen psychisch Kranke, Verwirrte und Hirngeschädigte zu Protagonisten ihrer Romane.

Ziel des Dissertationsprojekts "Der Fall des Falles" ist es, das vielschichtige Genre "Fallerzählung" literaturwissenschaftlich zu erschließen. Die Untersuchung wird von der These getragen, dass es den Verfassern psychiatrisch-neurologischer Fallgeschichten nicht allein um die fachliche Darstellung eines Krankheitsbildes gehen kann. Welche Erkenntnisse und Vorstellungen aber sind es, die sich offenbar durch die Narrative transportieren lassen, nicht aber durch einen medizinischen Fachtext, und auf welchem Wege erfolgt dieser Transport? Ausgehend von dieser Frage werden die textuellen Verfahren in den psychiatrisch-neurologischen und literarischen Fallgeschichten untersucht.

Anhand exemplarischer Analysen werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Herangehensweise literarisch ambitionierter Neurowissenschaftler bzw. Psychiater und zeitgenössischer Romanautoren herausgearbeitet. Hierbei werden einerseits die den Texten unterliegenden poetologischen Konzepte in den Blick genommen. Andererseits wird -- soweit die Werke des Korpus dies zulassen -- die Spur rekonstruiert, die psychiatrisch-neurowissenschaftliches Fachwissen in den narrativen Texten hinterlässt. Im besten Fall wird dabei sowohl die Wechselwirkung zwischen literarischen und populärwissenschaftlichen Fallerzählungen sichtbar werden als auch das Fallgeschichten inhärente spezifisch literarische Wissen.

Laufzeit des Stipendiums: Juli 2008 bis Juni 2010 (Promotion abgeschlossen)

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Promotionsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (Marystella Ramirez Guerra)

Promotionsprojekt: Discourses on Pregnancy and Childbirth in the late Eighteenth and Early Nineteenth Century in German Speaking Lands

Selbstbewerbung, Promotor: Walter Bruchhausen (zuvor: Prof. Dr. Olaf Breidbach†)

Inhalt des Projekts
During the late Eighteenth and early Nineteenth Century there was an increase in publications that claimed to provide medical information and advice to the general reading public in most German speaking lands. These were the result of a state-guided movement to improve the population’s overall health as an asset for the strengthening of state.

Alongside these official publications there were other writings – which for the purposes of this project the investigator will identify as private – that came from individual physicians or evangelical pastors. Even after the official channels of medical advice production closed down the publications by private authors, demand for them continued, revealing the effectiveness of the state campaign to promote an early form of the notion of disease prevention. Within each of these publications, be they private or public, there was a section dedicated to childbirth and pregnancy under the title of „Hebammenwesen“. For the doctoral thesis the focus will be put on this section of public health knowledge; what type of knowledge was being created; who were the authors of these knowledge claims; and what were the ideas behind them. Due to the different experiences had and legal status achieved by German midwives the discourses do not follow the more common path of this discipline in English-speaking countries.

Laufzeit des Stipendiums: 2013-2017