Wenn kein Notfall vorliegt: Wie Leitstellen Rettungsdienstfahrzeuge gezielter disponieren können

Forschende der RWTH Aachen (Institut für Medizinische Informatik, IMI) haben zusammen mit dem Oldenburger Forschungsnetzwerk Notfall- und Intensivmedizin (OFNI) Leitstellendaten ausgewertet: Wie oft werden bei Anrufen ohne Lebensgefahr (niedrigprioritären Notrufen) welche Rettungsmittel geplant – und welche tatsächlich geschickt? Dabei ging es auch um die Rolle des → Gemeindenotfallsanitäters (GNFS) und die Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst (KV/116117).

Hintergrund: Was ist das Problem?

In integrierten Leitstellen wie der → Großleitstelle Oldenburger Land gehen viele Anrufe ein, die dringend wirken, aber medizinisch nicht sofort lebensbedrohlich sind (Niedrigprioritäre Einsätze). Trotzdem wird oft ein Rettungswagen (RTW) losgeschickt. Das bindet Personal und Fahrzeuge.

Gerade jetzt ist das ein Problem: Krankenkassen müssen Kosten senken, und im Rettungsdienst fehlen Fachkräfte. Deshalb ist es wichtig, die vorhandenen Ressourcen so einzusetzen, dass die Versorgung sicher bleibt – aber Rettungsmittel nicht unnötig eingesetzt werden. Deshalb wurde in der Stadt Oldenburg und den umliegenden Landkreisen Ammerland und Cloppenburg der Gemeindenotfallsanitäter als ein neues Einsatzmittel eingeführt. Bei dem Gemeindenotfallsanitäter handelt sich um ein Einsatzmittel für nicht akute Notfälle. Dort arbeiten speziell weitergebildete Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter. Sie schätzen die Lage vor Ort ein und können Patientinnen und Patienten direkt vor Ort ambulant behandeln, also ohne Transport zu einem Krankenhaus. Die Gemeindenotfallsanitäter sind in ein Netzwerk für die weitere Versorgung eingebunden. Dazu gehören zum Beispiel Hausärztinnen und Hausärzte, Pflegedienste und soziale Dienste. Dafür haben die ärztlichen Leitungen neue Wege eingeführt, um Hilfeersuchen mit niedriger Priorität passend zu versorgen.

Was wurde erforscht?

Die Studie hat rückblickend alle Anrufe untersucht, die im Jahr 2022 in der Großleitstelle Oldenburger Land mit einer standardisierten Notrufabfrage erfasst wurden. Auf dieser Grundlage erfolgte eine vergleichende Auswertung der vorgesehenen Rettungsmittel gemäß Abfrageergebnis sowie der tatsächlich eingesetzten Rettungsmittel - sowohl in Regionen mit Gemeindenotfallsanitäter als auch in Regionen ohne Gemeindenotfallsanitäter.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Von 129.125 standardisiert abgefragten Anrufen wurden 12.631 (9,8%) als niedrigprioritär eingestuft.
  • 54% der niedrigprioritären Einsätze erfüllten die Kriterien um durch den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt zu werden, 41% erforderten den Einsatz eines Rettungsdienstes.
  • In Regionen ohne Gemeindenotfallsanitäter wurde in 86% der Notrufe mit Indikation für den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst ein Rettungswagen eingesetzt, in Regionen mit Gemeindenotfallsanitäter nur in 42%.
  • In Regionen ohne Gemeindenotfallsanitäter erfolgte bei niedrigprioritären Einsätzen in 57% ein Transport, mit Gemeindenotfallsanitäter in 29%.
     

Was bedeutet das?

Standardisierte Notrufabfragen helfen, Notfälle genauer zuzuordnen. Das wirkt aber nur, wenn es auch Alternativen gibt und diese verfügbar sind: zum Beispiel Gemeindenotfallsanitäter und kassenärztlicher Bereitschaftsdienst. Diese Angebote müssen vernetzt sein und gemeinsam disponiert werden können, also zusammen koordiniert und eingesetzt werden. Gemeindenotfallsanitäter und kassenärztlicher Bereitschaftsdienst decken dabei unterschiedliche Bedarfe ab. Beide sind notwendig, um Rettungswagen und Kliniken zu entlasten.

Der Gemeindenotfallsanitäter ist im Rettungsdienst eine wichtige zusätzliche Unterstützung. Er trägt dazu bei, dass Menschen passend versorgt werden. Außerdem entlastet er den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst.

Fazit

Die Daten zeigen: Wo das neue Einsatzmittel Gemeindenotfallsanitäter verfügbar ist, werden bei niedrigpriorisierten Einsätzen seltener Rettungswagen eingesetzt und es erfolgen seltener Transporte zu einem Krankenhaus. Dies führt nicht nur zu Einsparungen für die Krankenkassen, auch die Patienten können häufiger in ihrer häuslichen Umgebung versorg werden und dort bleiben. Wichtig für die Weiterentwicklung des Rettungsdienstes ist:  Selbst wenn die KV alle ihr zugeordneten Fälle übernehmen könnte, verbleiben 41,1% im Rettungsdienst.

 

Forschung am Puls der Zeit - Bezug der Studie zur Gesundheitspolitik und aktuellen Gesetzesvorhaben:

Die Studie zu niedrigpriorisierten Einsätzen und die Erfahrung mit dem Gemeindenotfallsanitäter zeigt: Die Notfallversorgung ist nicht nur eine qualifizierter Transportleistung - sie umfasst auch eine Versorgung vor Ort. Daher stützt die Studie die im Notfallreformgesetz geplante Änderung des Sozialgesetzbuch V, dass auch die Notfallversorgung ohne Transport als medizinische Leistung anerkannt und vergütet wird. Diese Studie und die Gesetzesänderung zeigen, wie wichtig die Forschung mit den Daten aus der Versorgung, sogenannten „Real World Data“ für eine Steuerung des Gesundheitswesens im Sinne einer evidenzbasierte Politik sind.

Um das Einsatzmittel Gemeindenotfallsanitäter besser bewerten und steuern zu können, braucht es weitere Forschung. Dazu sind die Daten der Leitstelle mit den Daten den Daten des Rettungsdienstes, bzw. des Gemeindenotfallsanitäters und des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung zu verknüpfen.

Dies war zum Zeitpunkt der Datenerhebung aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Mit dem → Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) hat der Gesetzgeber 2024 die Möglichkeit für eine solche Datenverknüpfung zu Forschungszwecken im Rahmen von öffentlich geförderten Verbundforschungsvorhaben geschaffen. Diese Möglichkeit sollte genutzt werden alternative Versorgungskonzepte wie den Gemeindenotfallsanitäter oder die Einführung standardisierter Notrufabfrage im Rettungswesen in weiteren Regionen in Deutschland zu entwickeln und wissenschaftlich zu begleiten. Um die wissenschaftliche Begleitung nicht unnötig von Förderprogrammen abhängig zu machen sollte die Datenverknüpfung für alle gemeinwohlorientierten Forschungsvorhaben ermöglicht werden, unabhängig von Förderungen.

Das Konzept Gemeindenotfallsanitäter wird derzeit gemeinsam mit dem niedersächsischen Innenministerium und den Kostenträgern weiterentwickelt. Es läuft aktuell in den Rettungsdienstbereichen Vechta, Cloppenburg, Goslar und in der Stadt Oldenburg. Dort wird es zum Akuteinsatzfahrzeug weiterentwickelt.

 

Zur Publikation

Die Forschungsergebnisse wurden hier veröffentlicht: Thate S, Lubasch SJ, Plata C,  Gülöz K, Eisenreich EW, Röhrig R, Seeger I. Niedrigprioritäre Einsätze im Rettungsdienst: Vorgesehene und tatsächliche Disposition von Ressourcen in einer deutschen integrierten Leitstelle nach Einführung einer standardisierten Notrufabfrage. Eine retrospektive Analyse der Leitstellendaten. in Press. doi: 10.1016/j.zefq.2026.03.006

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