FAQ Telenotarzt

Der Telenotarzt ist in Aachen aus zwei öffentlich geförderten Forschungsprojekten, Med-on-@ix 2007 – 2010 (BMWi) und TEMRAS 2010 – 2013 (Ziel-2 NRW), entstanden. Dabei bestand das Forschungskonsortium aus der Uniklinik RWTH Aachen, verschiedenen Instituten der RWTH Aachen, der Ingenieursgesellschaft P3 sowie der Fa. Philips.

Nach Beendigung der Forschungsphase wurde der Telenotarzt-Dienst in den Regelrettungsdienst überführt und fortan durch die P3 (jetzt umlaut AG) als Betreiber fortgeführt. 

Heute wird der Telenotarzt als weiteres Rettungsmittel in der Bedarfsplanung berücksichtigt und durch die Krankenkassen refinanziert.

Der Telenotarzt-Arbeitsplatz befindet sich auf der Hauptfeuerwehrwache in der Stolberger Str. 155, angegliedert an die Leitstelle der StädteRegion Aachen.

Um dem besonderen Qualitätsanspruch an den telemedizinisch unterstützten Notfalleinsatz gerecht zu werden, werden als Telenotarzt nur besonders erfahrene Notfallmediziner eingesetzt, die folgenden Anforderungen entsprechen (s. S1-Leitlinie Telenotfallmedizin):

  • Facharzt der Anästhesiologie oder Facharztstandard (mind. 5. Weiterbildungsjahr)
  • umfangreiche Erfahrung im Notarztdienst (über 500 Einsätze)
  • Zusatzbezeichnung Notfallmedizin einer Ärztekammer
  • Nachweis eines zertifizierten Versorgungstandards in der Reanimationsversorgung (Advanced Life Support (ALS)-Provider Kurs z.B. des ERC)
  • Nachweis eines zertifizierten Versorgungstandards in der Traumaversorgung (z.B. Pre-Hospital Trauma Life Support (PHTLS)-Provider Kurs)
  • Die Qualifikation zum Leitenden Notarzt ist wünschenswert.

Alle Telenotärzte werden anhand eines strukturierten Einarbeitungskonzeptes gezielt auf ihre Tätigkeit vorbereitet und in die technischen, organisatorischen und medizinischen Details eingewiesen. Dabei liegt ein Fokus auf der strukturierten Nutzung evidenzbasierter Verfahrensanweisungen, die dem Telenotarzt kontextsensitiv über eine Software zur Verfügung gestellt wird.

Die Telenotärzte werden regelmäßig im Kontext regulärer Fortbildungen für Therapien gemäß aktuellster Leitlinien und Empfehlungen trainiert (mindestens einmal im Jahr). Darüber hinaus müssen alle Notärzte in NRW 20 Stunden rettungsdienstspezifische Fortbildungen innerhalb von 2 Jahren gemäß Rettungsdienstgesetz NRW §5 Abs. 4 Satz 2 erfüllen. Zusätzlich wird jeder Telenotarzt mind. 1x im Quartal durch einen erfahrenen Telenotarzt supervidiert.

Die eingesetzten Telenotärzte stammen zu einem Großteil aus der Uniklinik RWTH Aachen, erfüllen aber alle die oben aufgeführten, lokal festgelegten Standards. Bewusst wird auch Ärzten anderer Krankenhäuser der Region die Teilnahme am Telenotarztdienst ermöglicht. Alle Telenotärzte sind auch weiterhin im bodengebundenen Notarztdienst tätig.

Primäraufgaben Telenotarzt je Einsatzszenario

  • Notfalleinsatz Rettungswagen (RTW) ohne Notarzt (NA)
    • Das RTW-Team kontaktiert im Bedarfsfall nach erfolgter Anamnese und Erstversorgung den Telenotarzt zur Beratung und/oder Freigabe einer definierten Standardtherapie gemäß Verfahrensanweisung (VA), die eine entsprechende Medikamentenapplikation umfasst. Kommen RTW-Team und Telenotarzt gemeinsam zu der Entscheidung, dass ein NA vor Ort benötigt wird, so wird dieser umgehend nachgefordert.
  • Notfalleinsatz RTW mit Notarzt (Überbrückung bis NA vor Ort)
    • Das RTW-Team kontaktiert nach erfolgter Anamnese und Erstversorgung den Telenotarzt, da sich das Eintreffen des Notarztes vor Ort verzögert (z. B. durch unterschiedliche Anfahrtswege, oder primär nicht verfügbar).
    • Der Telenotarzt kann bis zum Eintreffen des Notarztes vor Ort zur Beratung und/oder Freigabe einer definierten Standardtherapie nach VA, die eine entsprechenden Medikamentenapplikation umfasst, überbrückend Hilfe leisten und somit eine frühzeitige Versorgung auch in lebensbedrohlichen Einsätzen gewährleisten.
  • Notfalleinsatz RTW mit Notarzt (Beratung und Unterstützung des Notarztes)
    • Der Notarzt vor Ort kontaktiert nach erfolgter Anamnese und Erstversorgung konsiliarisch den Telenotarzt. In diesem Falle kann der Telenotarzt den Notarzt vor Ort bezüglich verschiedener Fragestellungen unterstützen und beraten (z. B. Kontaktaufnahme zum Giftnotruf, komplexe EKG-Diagnostik, Therapieentscheidungen, Differentialdiagnosen, Entscheidung zur Wahl des Zielkrankenhauses / Fachabteilung, Kontakt und Ankündigung zum richtigen Aufnahmekrankenhaus, Aktivierung des ECMO-Teams der Uniklinik).
    • Alternativ: Der Notarzt vor Ort kontaktiert nach erfolgter Anamnese und Erstversorgung den Telenotarzt und übergibt den Einsatz an den Telenotarzt, welcher dann die Transportbegleitung übernimmt. Dies ist für Krankheitsbilder vorgesehen, die keine physische Anwesenheit eines Notarztes erfordern.

Sekundäraufgaben des Telenotarztes

  • Beratung der Leitstelle
    • Beratung und Unterstützung der Leitstellendisponenten in medizinischen Fragen des Regelrettungsdienstes im Tagesgeschäft.
  • Medizinische Koordination Sekundärtransporte
    • Der Telenotarzt übernimmt die medizinische Koordination der Sekundärtransporte. Alle mit Notarzt angemeldeten Sekundärtransporte,  werden vorher durch ihn gesichtet und standardmäßig wird ein Arzt-Arzt-Gespräch mit der abgebenden Klinik durch den Telenotarzt geführt.
  • Er entscheidet, mit welchem Transportmittel ein Sekundärtransport durchgeführt wird. Neben reinen RTW-Verlegungen und notarztbegleiteten Intensivverlegungen können Patienten, die die Kriterien für eine telemedizinische Begleitung (TNA-Kriterienkatalog Sekundärtransport) erfüllen, mit RTW unter zusätzlichem Monitoring durch den Telenotarzt transportiert werden.
  • Ca. 1/3 aller „arztgestützten“ Notfalleinsätze werden im aktuellen Einsatzgebiet telenotärztlich unterstützt.
  • Über 36% aller arztbegleiteten Verlegungstransporte werden heute rein telemedizinisch begleitet.
  • Die Zeiten des arztfreien Intervalls können durch den Telenotarzt bis Eintreffen des herkömmlichen Notarztes durch Überbrückung verkürzt werden.
  • Der Telenotarzt erlaubt eine hohe Dokumentationsqualität und eine hohe Leitlinienadhärenz in der Notfallversorgung.
  • Zeitversetzte Paralleleinsätze sind unter Anwendung entsprechender Priorisierung möglich (aktuell in 15 – 20% der Fälle)
  • Die Gesamteinsatzdauer des Telenotarztes im Notfalleinsatz ist um 50% kürzer als beim „fahrenden“ Notarzt. Insbesondere die netto Bindezeit (Gesprächsdauer mit dem Team) an den Einsatz ist beim Telenotarzt noch deutlich kürzer.
  • Im überregionalen Einsatz in einem gemeinsamen Telenotarzt-Netzwerk ist der TNA noch effizienter.

Ein TNA kann – abhängig vom Einsatzgeschehen – bis zu 3 Einsätze parallel bearbeiten; dies hängt vom Maß der Unterstützungsnotwendigkeit ab.

Die Besatzung erhält eine Durchsage, dass der TNA die Notrufanfrage nicht bearbeiten kann und bei Bedarf ein Notarzt nachgefordert werden muss. Die Entscheidung einen Notarzt nachzufordern obliegt dem RTW-Team.

Eine Übertragung von einem Video-Stream ist über eine HD-Deckenkamera im RTW möglich. Die Nutzung bedarf der Einwilligung des Patienten, eine Aufzeichnung findet grundsätzlich nicht statt. Die Kamera wird nur selten, in ca. 5% aller Fälle zur Unterstützung von Einsätzen eingesetzt.

Eine mobile Übertragungseinheit ist das Herzstück des Telenotarzt-Systems und ermöglicht die sichere und zuverlässige Sprach- und Datenkommunikation via 3 unterschiedlicher Mobilfunknetze von der Einsatzstelle zur Telenotarzt-Zentrale.

  • Kontaktaufnahmen mit Telenotarzt durch das Rettungspersonal am Einsatzort per Knopfdruck auf ein Headset
  • Echtzeitübertragung der Vitalparameter des Patienten via Mobilfunk an den Arzt in der Telenotarzt-Zentrale
  • Fotoübermittlung (Medikamente oder Arztbriefe) vom Einsatzort an den Telenotarzt.
  • Übertragung von Videomaterial aus dem Rettungswagen über HD-Deckenkamera
  • Ausdruck des Telenotarztprotokolls im RTW sowie Möglichkeit der digitalen Voranmeldung im Krankenhaus

Das Rettungsdienst-Personal wird in einer 6-stündigen Fortbildung in das System eingewiesen. Zusätzlich gibt es auf jeder Wache einen Leitfaden für die Benutzung des Systems. 

Medizinische Daten des Einsatzes (Einsatzprotokoll, Foto, Checklisten und EKG) werden für 10 Jahre und die verbale Kommunikation für 7 Tage gespeichert. Die Videoübertragung aus dem Rettungswagen wird nicht gespeichert, sondern nur gestreamt.

Ja. In zwei Rechtsgutachten, die während der Forschungsphase in Auftrag gegeben wurden, wurden alle wesentlichen juristischen Fragestellungen und Problematiken beantwortet. 

Gutachten:  

  • Prof. Dr. iur. Christian Katzenmeier (Institut für Medizinrecht, Universität zu Köln)
  • Prof. Dr. Karsten Fehn (Fachanwalt für Medizinrecht, Fachhochschule Köln)

Die Begutachtungen betrachteten folgende Themen:  

  • Datenschutz
  • Grundsätze der persönlichen Leistungserbringung
  • Fernbehandlungsverbot Haftungsfragen / strafrechtliche Verantwortlichkeiten
  • telemedizinische Delegation ärztlicher Maßnahmen.

Die Rechtssicherheit wurde mittlerweile durch das Notfallsanitätergesetz gestärkt und im Rahmen von Rettungsdienstgesetzen auf Länderebene aufgegriffen und bestätigt (zuletzt in Bayern – Erlass des Innenministeriums).  

  • Der Telenotarzt erhöht die Rechtssicherheit für alle Beteiligten während der Telekonsultation!
  • Der Telenotarzt übernimmt mit Einsatzannahme die medizinische Gesamtverantwortung für den Einsatz! 
  • Durch den Telenotarzt delegierte Maßnahmen und Medikamente unterliegen nicht der Notkompetenz! 
  • Die Durchführungsverantwortung für medizinische Maßnahmen bleibt, wie im herkömmlichen Notarzteinsatz auch, bei den Rettungsassistenten/Notfallsanitätern!  
  • Die Telekonsultation verstößt nicht gegen das Fernbehandlungsverbot!