Die Silvesternacht in Crans-Montana beschäftigt weiterhin die Zentren für Schwerbrandverletzte in der Schweiz und den Nachbarländern. Auch am Zentrum an der Uniklinik RWTH Aachen – eines von deutschlandweit 19 Zentren – behandelt das Team um Univ.-Prof. Dr. med. Justus P. Beier einen der Verletzten. praxis zeigt, wann Brandverletzungen auch im Haushalt gefährlich werden können und welche Erste-Hilfe-Maßnahmen wirklich helfen.
Großbrandereignisse wie jenes in Crans-Montana führen bei den Betroffenen zu schwersten Brandverletzungen. Typisch für diese Verletzungen ist, dass ihr tatsächliches Ausmaß oft erst zwei bis drei Tage nach dem Ereignis sichtbar wird. Die sogenannte Verbrennungskrankheit tritt nach der lokalen Hautschädigung auf und betrifft innere Organe. So verlieren die Kapillargefäße ihre Barrierefunktion und lassen Flüssigkeit aus den Blutbahnen als Ödeme in das umliegende Gewebe. Obwohl sich die Flüssigkeit noch im Körper befindet, bedeutet das eine schnelle Dehydrierung des Körpers. Durch die geschädigte Haut kommt es zum Wärmeverlust, was auch das Risiko einer Unterkühlung erhöht. Gleichzeitig löst der Körper eine massive Entzündungsreaktion aus: „Ohne sofortige Behandlung und Stabilisierung des Kreislaufs setzt der Körper bei solchen schweren Verbrennungen Proteine und Enzyme frei, die ein Multiorganversagen begünstigen können“, so Univ.-Prof. Dr. med. Justus P. Beier, Klinikdirektor der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin (DGV).
Im Haushalt treten derart schwere Fälle zwar nur selten auf, dennoch sollten Brandverletzungen grundsätzlich ernst genommen werden.
Schweregrad der Verbrennung
Die Tiefe einer Verbrennung spielt eine entscheidende Rolle in der Behandlung. Verbrennungen ersten Grades betreffen die obere Hautschicht und äußern sich durch Rötung und Schmerzen, ähnlich einem leichten Sonnenbrand. Beim zweiten Grad kommt es zusätzlich zur Blasenbildung; während oberflächliche Verbrennungen dieses Grades stark schmerzen, erscheinen tiefere eher blass und sind weniger schmerzhaft, da Nervenenden bereits geschädigt sein können. Verbrennungen dritten Grades zerstören die gesamte Hautschicht, wodurch das Gewebe lederartig, weißlich oder bräunlich erscheint und keine Schmerzen mehr verursacht. Der vierte Grad reicht in Muskeln, Faszien oder Knochen hinein und ist häufig lebensbedrohlich. Als Faustregel gilt: Ab etwa zehn Prozent verbrannter Körperoberfläche bei Verbrennungen zweiten Grades sollte unbedingt eine ärztliche Behandlung erfolgen. Unabhängig vom Ausmaß sollten Verbrennungen im Gesicht, an Händen, Füßen, im Genitalbereich sowie über großen Gelenken ebenfalls ärztlich versorgt werden.
Erste Hilfe für zu Hause
Leichte Verbrennungen lassen sich gut selbst versorgen. „Tragen Sie niemals vermeintliche Hausmittel wie fetthaltige Salben, Öle oder Zahnpasta auf Brandwunden auf. Die Verletzung wird dadurch häufig verschlimmert und in jedem Fall die Beurteilbarkeit der Verbrennungstiefe erschwert“, erklärt Prof. Beier und führt weiterhin aus: „Eine Reinigung unter fließendem Leitungswasser in Trinkwasserqualität sowie das Abdecken der Stelle mit einer sterilen Wundauflage ist hingegen immer empfehlenswert.“ Eine Kühlung ist in der Regel nicht notwendig und kann bei größeren Verletzungen sogar schaden.
Toasted-Skin-Syndrom in den sozialen Medien
Derzeit kursieren in den sozialen Netzwerken Bilder einer weniger bekannten Form von Verbrennung. Beim sogenannten Toasted-Skin-Syndrom sind netzartige, rotbraune Linien auf der Haut zu erkennen, die an oberflächliche Blutgefäße erinnern. Tatsächlich handelt es sich um eine Hautreaktion, die durch wiederholte und intensive Wärmeeinwirkung entsteht. Gerade in der kalten Jahreszeit nutzen viele Menschen Wärmflaschen, Heizdecken oder Wärmepflaster, wobei die Dosis eine wesentliche Rolle beim Toasted-Skin-Syndrom spielt. Die regelmäßige Hitze führt dazu, dass sich rote Blutkörperchen in den oberflächlichen Gefäßen ablagern und typische, verflochtene Muster hinterlassen. Regelmäßige Kontrolle nach kurzweiliger Nutzung solcher Wärmequellen kann helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und Schäden vorzubeugen. Am besten ist es in solchen Fällen bis auf Weiteres von einer weiteren Wärmeexposition in diesen Hautarealen abzusehen. „Darüber hinaus stellen wassergefüllte Wärmflaschen eine der häufigsten Ursachen für zum Teil schwere Verbrühungsverletzungen im klinischen Alltag dar“, führt Prof. Beier weiter aus. Dies ist zum einen durch das Platzen spröder Wärmflaschen, zum anderen im Rahmen der Befüllung mit zu heißem Wasser bedingt. „Nicht umsonst gibt es zum Beispiel in Neuseeland ein auf diesen Erkenntnissen basierendes Gesetz, das den Verkauf von ausschließlich jenen Wärmflaschenmodellen aus Gummi und Kunststoff erlaubt, die geprüft den sogenannten British Standard BS 1970:2012 erfüllen.“, erläutert Prof. Beier. Demgegenüber werden Wärmflaschen in Deutschland zwar durch den TÜV auch auf die Erfüllung genau dieser Norm geprüft, allerdings handelt es sich hierbei um eine rein freiwillige Prüfung und Zertifizierung von Wärmflaschen. Sicherer und empfehlenswert ist es daher aus Sicht des Verbrennungschirurgen, grundsätzlich auf andere Formen zur Wärmeanwendung, wie zum Beispiel in der Mikrowelle erhitzbare Hirse-, Leinsamen- oder Kirschkernkissen, die es für Kinder auch in Form befüllbarer Kuscheltiere gibt, zu wechseln.
Verbrennungen als Haushaltsunfall bei Kindern und Jugendlichen
Laut der Initiative für brandverletzte Kinder Paulinchen e. V. sind jährlich rund 30.000 Kinder und Jugendliche wegen Verbrennungsverletzungen in medizinischer Behandlung, etwa 7.000 davon stationär. Die Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie trägt das Gütesiegel Spezialisierte Klinik für Brandverletzte Kinder, so dass hier jedes Jahr über 100 Kinder mit Verbrennungen und vor allem Verbrühungen stationär behandelt. Die Gefahren befinden sich im häuslichen Umfeld dabei vor allem in der Küche in Form von heißen Kochflächen, spritzendem Öl, heißen Backofentüren oder frisch aufgebrühten Getränken, aber auch insbesondere in den Wintermonaten von heißen Türen bei Kaminöfen. „Die mit Abstand häufigste Ursache für thermische Verletzungen bei Kindern stellt jedoch weiterhin die sogenannte Latzverbrühung dar“, erklärt Prof. Beier. Sie entsteht, wenn kleine Kinder Behälter mit heißer Flüssigkeit wie Tee oder Kaffee von der Arbeitsplatte ziehen, die höher ist als sie selbst.
Mit einfachen Maßnahmen wie der konsequenten Sicherung von Gefäßen mit Heißgetränken, Herdplatten, dem Wegdrehen von Pfannengriffen oder dem Abstandhalten von Kindern vom Grill und Kaminofen lassen sich viele dieser Unfälle vermeiden.

