Während andere in seinem Alter die Seele baumeln lassen und darüber nachdenken, welcher Sessel im Wohnzimmer wohl am bequemsten ist, diskutiert Prof. Dr. med. Roland Fuchs über medizinische Fachliteratur, plant Infoveranstaltungen oder sitzt auf dem Rennrad.
Manche Menschen zählen die Jahre, andere die Pläne. Prof. Dr. med. Roland Fuchs gehört zur zweiten Gruppe. Mit 83 Jahren spricht er nicht darüber, was gewesen ist, sondern darüber, was vor ihm liegt. Die Zahl, die ihn beschäftigt, ist nicht sein aktuelles Alter, sondern die 100. „So Gott will“, sagt er. Geboren im Winter 1943 besucht er von 1957 bis 1961 die traditionsreiche Landesschule Pforta in Sachsen-Anhalt. „Der Glücksfall meines Lebens“, nennt er diese Zeit. Mit gerade einmal 23 Jahren ist er approbierter Arzt und promovierter Mediziner. Wenige Jahre später leitet er eine hämatologische Abteilung in Magdeburg und habilitiert sich im Alter von 34 Jahren.
Der Mut zum Neuanfang
1981 verlässt Roland Fuchs die DDR. Nach einer Tätigkeit als akademischer Lehrer in Libyen gelingt ihm die Flucht in den Westen. Was folgt, ist ein Neuanfang in enormem Tempo. 1988 wird er Chefarzt der Abteilung für Hämatologie und Onkologie am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler. Über zwei Jahrzehnte begleitet er Patientinnen und Patienten mit Blut- und Krebserkrankungen. Seit 1991 organisiert er den Eschweiler Mikroskopierkurs für Hämatologie, der 2026 bereits zum 36. Mal stattfand. Für viele Menschen markiert der Ruhestand eigentlich das Ende des Berufslebens. Nicht so für Roland Fuchs. Nach seiner Zeit als Chefarzt bleibt er der Medizin erhalten. Seit 2009 arbeitet er als Senior Physician in den Medizinischen Kliniken III und IV an der Uniklinik RWTH Aachen, schreibt Fachartikel, hält Vorträge und arbeitet an Lehrbüchern. Anfang 2025 wird er von der Alzheimer-Gesellschaft der StädteRegion Aachen in den Vorstand berufen. Es folgen Hospitationen in der Demenzmedizin, Fachbeiträge und die Planung von Informationsveranstaltungen. Seit einigen Monaten beschäftigt ihn zudem ein weiteres Projekt. Als Initiator eines Gemeinschaftsvorhabens der Kliniken für Gastroenterologie, Viszeralchirurgie und Strahlentherapie sowie der Abteilung für Physiotherapie setzt er sich für den Aufbau eines neuen Arbeitsbereichs für Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT) an der Uniklinik RWTH Aachen ein. Hintergrund sind internationale Studien, die zeigen, dass gezielte Bewegung die Prognose von Krebspatientinnen und Krebspatienten signifikant verbessern kann.
Auf zwei Rädern durch die Welt
Doch wer glaubt, damit sei der Alltag bereits ausgefüllt, kennt seine sportliche Seite nicht. Mit 72 Jahren läuft Prof. Fuchs seinen ersten Köln-Marathon. Für viele ein einmaliges Erlebnis, für ihn wird es allerdings zur Tradition. Jahr für Jahr steht er erneut an der Startlinie, 2024 sogar als ältester Teilnehmer. Noch eindrucksvoller wirken vermutlich die Abenteuer, die sich auf zwei Rädern abgespielt haben. 5.000 Kilometer beim Race Across America quer durch die Vereinigten Staaten, Wüstenrennen in Namibia, 800 Kilometer beim Race Across Germany von Aachen bis Görlitz, Touren durch die Mongolei, Äthiopien, Kolumbien, Vietnam, Kanada oder Botswana. Viele dieser sportlichen Leistungen absolvierte er in einem Alter, in dem andere längst auf ihre aktive Zeit zurückblicken. Zwischen Frühjahr und Herbst kommen bei ihm durchschnittlich 200 Fahrradkilometer pro Woche zusammen. Wer zudem in Stolberg unterwegs ist, begegnet Prof. Fuchs vermutlich, ohne es genau zu wissen. Egal ob Karneval, Museumsarbeit, Lions Club, Heimatverein, Kulturförderung oder soziale Projekte, überall finden sich Spuren seines Wirkens.
Die 100 im Blick
Sechs Jahrzehnte Medizin, fünf Lehrbücher, drei Kinder und unzählige Kilometer auf dem Fahrrad. Für Prof. Fuchs kein Grund, kürzerzutreten. Er plant weiterhin neue Vorträge, engagiert sich in der Forschung, setzt sich für Menschen mit Demenz ein, fährt Rennrad und spielt Tischtennis oder Tennis. Anfang Dezember wird er erneut die wissenschaftliche Leitung einer Fortbildungsveranstaltung zu gastrointestinalen Tumoren in Düsseldorf übernehmen. Der bundesweit bekannte Workshop wurde vor 23 Jahren von ihm in Eschweiler gegründet und zählte im vergangenen Jahr rund 1.000 Teilnehmende. Vielleicht liegt das Geheimnis tatsächlich in den drei Eigenschaften, die er selbst gerne aufzählt: genügsam, ausdauernd, anpassungsfähig. Eines ist auf jeden Fall sicher: Die Ziellinie liegt für Prof. Fuchs noch in einiger Entfernung. Dort steht eine Zahl, die er fest im Blick hat: 100.

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