Forschung

Die Forschungsschwerpunkte der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik RWTH Aachen sind:

Forschung zu Essstörungen

Im Rahmen der Ausschreibung der Bundesregierung zur Psychotherapieforschung wurde gerade ein multizentrisches BMBF-Projekt abgeschlossen, bei dem die tagesklinische Behandlung magersüchtiger jugendlicher Patienten mit der stationären Behandlung als Goldstandard verglichen wird (ANDI-Studie). Neben Aachen als principle investigator sind noch die Universitätskliniken in Freiburg und Würzburg, die Charité in Berlin und die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik in Köln-Holweide beteiligt. Parallel zu der Behandlung wurden strukturelle und funktionelle Bildgebungsverfahren eingesetzt, durch die die starvationsbedingten Veränderungen des Gehirns untersuchtwerden. Mit der funktionellen Bildgebung werden Paradigmen untersucht, die auf der Annahme einer nosologischen Verwandtschaft von Essstörungen und Zwangserkrankungen beruhen. Des Weiteren werden zahlreiche neuropsychologische Veränderungen überprüft, u.A. im Zusammenhang mit starvationsbedingten hormonellen Veränderungen. Die Rekrutierung der Probanden konnte abgeschlossen werden; erste Ergebnisse werden im Sommer 2011 vorliegen.

Das Studienprotokoll der ANDI-Studie finden Sie hier.

Daneben werden weitere neurobiologische Fragestellungen bei den Essstörungen untersucht. Jugendliche Patientinnen mit Magersucht (Anorexia nervosa) weisen im akuten Hungerzustand Defizite in Lern- und Gedächtnisfunktionen auf. Außerdem geht der Akutzustand der Anorexia nervosa unter anderem mit Veränderungen von Geschlechtshormonen wie Östrogen und auch dem Adipozytenhormon Leptin einher, die sich im Laufe der Gewichtszunahme wieder zurückbilden. Wir untersuchen die Zusammenhänge zwischen Lern- und Gedächtnisfunktionen und hormonellen Veränderungen während der Gewichtsrehabilitation im Rahmen einer kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung.

Weiterhin wird die Ausprägung anderer somatischer Veränderungen (Blutbild und andere Laborparameter sowie kardiologische Befunde) in Abhängigkeit vom Gewichtsverlust untersucht.

Zusammen mit der BELLA Study Group des Robert Koch-Instituts Berlin und der Abteilung für Public Health an der Universität Hamburg, die eine epidemiologische Untersuchung zur Prävalenz psychischer Störungen bundesweit durchführten, wurde die Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens von einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und von Übergewicht/Adipositas untersucht.

Forschung zu Autismus

Die Forschung auf dem Gebiet des Autismus, insbesondere zur Theory of Mind, wurde im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs zu Schizophrenie und Autismus, das in Kooperation mit der University of Pennsylvenia durchgeführt wird, fortgesetzt. Hier werden behaviorale und elektrophysiologische Methoden sowie strukturelle und funktionale Bildgebungsverfahren eingesetzt.

Weiterhin wird die Wirksamkeit eines gruppenbasierten sozialen Kompetenztrainings bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung überprüft. Bisher gibt es nur wenige gut untersuchte Psychotherapieverfahren bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung und unauffälliger Intelligenzentwicklung. Im Rahmen einer Multicenterstudie (Leitung: Prof. Freitag/Frankfurt) führen wir daher eine randomisiert kontrollierte Studie zur Untersuchung der Effekte einer Gruppentherapie bei Kindern und Jugendlichen mit autistischer Störung sowie unauffälliger Intelligenzentwicklung durch. In der Studie soll überprüft werden, ob ein 12-wöchiges soziales Kompetenztraining bei betroffenen Kindern und Jugendlichen zu einer anhaltenden Verbesserung der sozialen Interaktion und prosozialer Verhaltensweisen sowie einer Reduktion ängstlicher und depressiver Symptome führt.

An der Studie werden insgesamt 220 Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung an sechs verschiedenen Universitätskliniken teilnehmen (Aachen, Frankfurt, Hamburg, Köln/Bonn, Mannheim und Würzburg).

Die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung im Kindes- und Jugendalter

Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine mögliche Folge eines Psychotraumas; sie ist gekennzeichnet durch Symptome von (1) Wiedererleben, (2) Vermeidung und (3) Hyperarousal. Die Diagnosekriterien der PTBS wurden an erwachsenen Patienten entwickelt und überprüft. In der Anwendung auf Kinder und Jugendliche wurden sie kaum modifiziert. Darüber hinaus finden sich große Unterschiede zwischen den diagnostischen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV. In der Traumaambulanz wurden in der Zeit von 2002 bis 2009 über 400 Kinder und Jugendliche vorgestellt. In zwei Forschungsprojekten wollen wir überprüfen, welches Klassifikationssystem für Kinder und Jugendliche angemessener ist. Darüber hinaus überprüfen wir die vorgegebene Faktorenstruktur der Diagnosekriterien und die Bedeutung einzelner Symptome. So wird z.B. traditionell eine psychogene Amnesie für das traumatische Ereignis als typisches PTBS-Symptom erachtet, obwohl sich in der Forschung Zweifel über die Bedeutung dieses Symptoms mehren

Was wird langfristig aus Kindern und Jugendlichen nach traumatischen Ereignissen?

In einer Katamneseuntersuchung wollen wir überprüfen, wie sich die Kinder und Jugendlichen, die in unserer Traumaambulanz vorgestellt wurden, entwickelt haben.

Metakognitive Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung

Die Metakognitive Therapie (MKT) nach Adrian Wells (2009) wurde für Erwachsene mit unterschiedlichen emotionalen Störungen wie z.B. die PTBS entwickelt und überprüft. Die MKT steht in der Tradition der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), das konkrete Vorgehen der MKT unterscheidet sich jedoch sehr von der KVT. In erster Linie sollen Patienten lernen, die Wiedererlebenssymptome achtsam wahrzunehmen, ohne sie zu bekämpfen ("losgelöste Achtsamkeit"). Perseverierende Denkprozesse wie Grübeln, sich Sorgen machen oder Versuche, Gedächtnislücken aufzufüllen, sollen identifiziert, kontrolliert und abgebaut werden. Typische Techniken der KVT wie prolongierte Exposition mit Traumaerinnerungen und kognitive Umstrukturierung verzerrter Denkschemata werden nicht durchgeführt. Die bewährten Techniken der MKT sollen erstmals auf Kinder und Jugendliche mit PTBS angewendet werden. Anwendbarkeit, Akzeptanz und Wirksamkeit dieses neuen Verfahrens sollen sukzessive überprüft werden.

Forschung zu aggressiven Verhaltensweisen bei Kindern

Viele Kinder fallen bereits im Vorschulalter durch impulsiv-aggressive Verhaltensweisen auf. Einige dieser Kinder können eine Störung im Sinne einer affektiven Dysregulation im Erwachsenalter entwickeln. Allerdings ist die Prognose und das Wissen über die Ursache von dysphorisch-aggressiven Verhaltensweisen im Kindesalter unzureichend.

Man geht davon aus, dass aggressives Verhalten durch ein komplexes Zusammenspiel von Erbanlagen und bestimmten Umwelteinflüssen hervorgerufen wird.

Um zunächst grundlegende Mechanismen aggressiver Verhaltensweisen im frühen Kindesalter systematisch zu untersuchen, soll deshalb im Rahmen dieses Forschungsprojekts eine Serie kurzer Verhaltensexperimente bei Kindern im Alter von 5 bis 11Jahren durchgeführt werden. Dazu gehört unter anderem die sogenannte Point Subtraction Agression Task (PSAT), welches ein bewährtes experimentelles Paradigma der Aggressions-und Impulsivitätsforschung darstellt und ein validiertes Labormaß zur Erfassung von reaktiv-aggressiven Verhaltenstendenzen ist. In einer großen Screeningsstudie werden dazu Kinder mit hohem Risiko für die Entwicklung einer expansiven Verhaltensstörung selektiert und mit Kindern mit geringem Risiko verglichen.

Daneben wird im Rahmen dieses Projekts die funktionelle Bildgebung eingesetzt (fMRT), um den für das Erwachsenenalter konsistent berichteten Gen-Umwelt-Interaktionseffekt zwischen niedriger Expression der Monoaminooxidase A (low expression, MAOA-L) und spezifischen Umweltbedingungen zu untersuchen. Dabei wird erstmalig der Einfluss beider Variablen (Gene x Umwelt) auf die Entwicklung des kortiko-limbischen Systems während der frühen Hirnreifung überprüft. Die Genotypisierung des MAO-A Polymorphismus erfolgt anhand einer Speichelprobe. Mit Hilfe der fMRT-Untersuchung wird der Einfluss von MAO-A und Umweltvariablen auf die emotionale Erregung (bottom-up Prozesse) und die damit verknüpfte Verhaltensinhibition (top-down Prozesse) untersucht.

Ziel des aktuellen Projektes ist es, die biologischen Gründe aggressiver Verhaltensweisen im frühen Kindesalter besser zu verstehen, um in einen späteren Schritt eine möglichst frühe Differenzierung der Betroffenen anhand neurobiologischer und kognitiver Korrelate zu ermöglichen, die dann in einer längerfristigen Perspektive spezifischen Präventions- und Interventionsprogrammen zugeführt werden können.

Behandlungseffekte und neurobiologische Mechanismen eines standardisierten Mutter-Kind-Interventionsprogramms bei adoleszenten Müttern ("TeeMo")

In Deutschland werden jedes Jahr ungefähr 22.000 Neugeborene von Müttern im Alter unter 20 Jahren geboren. Teenager-Schwangerschaften treten in Deutschland wie auch in anderen Industrieländern gehäuft bei Personen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status und geringerem Bildungsniveau auf. Teenage-Mütter leiden häufiger als erwachsene Mütter unter traumatischen Kindheitserfahrungen und unter postpartalen Depressionen. Im Umgang mit ihrem eigenen Kind zeigen sie eine geringere Feinfühligkeit für die Bedürfnisse ihres Kindes und weniger liebevolle Verhaltensweisen. Kinder von Teenage- Müttern stellen somit eine Hochrisikogruppe für Kindesvernachlässigung und Misshandlung dar, insbesondere wenn weitere familiäre Stressoren dazukommen. Die kognitive und emotionale Entwicklung dieser Kinder ist häufiger auffällig, und sie zeigen mehr aggressive Verhaltensweisen als Kinder von erwachsenen Müttern. Erste Interventionsstudien konnten zeigen, dass durch ein Training der mütterlichen Sensitivität eine sichere Eltern-Kind-Bindung gefördert und die mütterliche Depressivität reduziert werden kann.

Im Rahmen der vorliegenden Studie sollen deshalb die Effekte eines 9-monätigen strukturierten Eltern-Kind-Interventionsprogramms auf die mütterliche Feinfühligkeit und die Entwicklung des Kindes untersucht werden. Ferner möchten wir neurobiologische Mechanismen, die dazu führen, dass ungünstiges Erziehungsverhalten von einer Generation auf die nächste weitergegeben wird, näher betrachten.

Im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie soll deshalb ein Interventionsprogramm, das sowohl auf die Verbesserung der Mutter-Kind-Interaktion abzielt als auch, falls notwendig, eine gezielte kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung der jungen Mutter umfasst, mit dem "Standard-Hilfsangebot des Jugendamtes" verglichen werden. Zusätzlich wird der moderierende Einfluss von hormonellen, (epi)-genetischen und neuronalen Faktoren bei der Mutter, die mit der frühen mütterlichen Bindung assoziiert sind, untersucht sowie Temperamentsmerkmale des Kindes erfasst. In einer Nachuntersuchung 6 Monate nach Therapieende soll der Frage nachgegangen werden, ob durch ein solches Interventionsangebot, das Wohlbefinden des Kindes (insbesondere seine körperliche, kognitive und emotionale Entwicklung und seine Hirnentwicklung), sowie die mütterliche Feinfühligkeit und Affektregulation nachhaltig verbessert werden können und das Risiko für Vernachlässigung und Misshandlung des Kindes gesenkt wird.

Weitere Informationen finden Sie hier.