Die Uniklinik RWTH Aachen hat einen neunen Sonderforschungsbereich. Ziel des neuen Forschungsverbunds SFB 1739 ist es, die Mechanismen des parodontalen Remodellings besser zu verstehen und neue Ansätze für Diagnostik und Therapie zu entwickeln. Ein funktionierendes Remodelling des Zahnhalteapparats ist zentral für die Mundgesundheit. Es stabilisiert die Zähne, ermöglicht zahnärztliche Behandlungen und schützt vor dem Abbau von Gewebe und Knochen. Wird dieser Prozess gestört, kann es zu Zahnverlust und einer fortschreitenden Schädigung des Alveolarknochens kommen. Solche Störungen werden nicht nur durch lokale Faktoren wie bakterielle Belastung oder mechanische Überbeanspruchung ausgelöst, sondern auch wesentlich durch systemische Erkrankungen beeinflusst.
Obwohl sich Mundhygiene und zahnmedizinische Versorgung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert haben, bleibt die Häufigkeit schwerer parodontaler Erkrankungen hoch. Nach Angaben der World Health Organization (WHO) ist dies ein globales Problem mit steigender Tendenz. Besonders auffällig ist, dass schwere Verläufe bei älteren Menschen zunehmen, während erste Anzeichen zunehmend auch bei jüngeren Personen auftreten. Diese Entwicklungen zeigen, dass zusätzliche Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht dabei die enge Verbindung zwischen Mundgesundheit und systemischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Krebs. Chronische Niereninsuffizienz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Lebererkrankungen können Gefäßfunktionen und Entzündungsprozesse verändern – beides entscheidend für ein stabiles Gleichgewicht im Zahnhalteapparat.
„Die bisherigen Therapieansätze berücksichtigen diese komplexen Zusammenhänge noch nicht ausreichend“, erklärt der Sprecher des SFB 1739, Professor Michael Wolf, Klinik für Kieferorthopädie an der Uniklinik RWTH Aachen. „Unser Ziel ist es, die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen und neue Behandlungsstrategien zu entwickeln.“ Co-Sprecher Professor Joachim Jankowski, Institut für Molekulare Herz-Kreislauferkrankungen, fügt hinzu: „Parodontale Erkrankungen sind nicht nur ein lokales Problem im Mund. Systemische Erkrankungen greifen direkt in die parodontale Geweberegulation ein. Wenn wir diese Zusammenhänge verstehen, können wir Therapien gezielter und wirksamer machen.“ Weltweit sind mehr als eine Milliarde Menschen von parodontalen Erkrankungen betroffen. „Der SFB 1739 will dazu beitragen, diese Versorgungslücke zu schließen und langfristig die Prävention und Behandlung deutlich zu verbessern“, betonen die Sprecher.
Der Vorstand der Uniklinik RWTH Aachen freut sich über den neuen Sonderforschungsberiech, wie Univ.-Prof. Dr. Joachim Windolf, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender, betont: „Dass eine solche Initiative aus der Zahnmedizin heraus entsteht und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen zusammenbringt, ist ein starkes Zeichen für die besondere Forschungskultur an unserem Standort. Die enge strukturelle, fachliche und auch räumliche Vernetzung innerhalb der Aachener Universitätsmedizin ermöglicht Synergien, die in dieser Form etwas ganz Besonderes sind. Gerade diese gelebte Interdisziplinarität ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal Aachens und die Grundlage für Forschung mit hoher wissenschaftlicher und klinischer Relevanz.“





