Notaufnahmedaten flexibel ergänzen, ohne Standards zu brechen: Der „Wildcard"-Ansatz in der AKTIN-Infrastruktur

Notaufnahmen dokumentieren nach festen Vorgaben, damit ihre Daten standortübergreifend vergleichbar bleiben. Wenn neue klinische Phänomene auftreten, etwa der Geruchs- und Geschmacksverlust zu Beginn der COVID-19-Pandemie, lassen sich zusätzliche Informationen jedoch oft nur mit großem Abstimmungsaufwand in bestehende Datensätze aufnehmen. Eine aktuelle Arbeit aus dem Institut für Medizinische Informatik zeigt, wie sich in der AKTIN-Infrastruktur neue Variablen kontrolliert ergänzen lassen, ohne etablierte Prozesse zu stören. Diese Forschungsergebnisse wurden von Hauke Heidemeyer auf dem Europäischen Medizininformatikkongress in Genua vorgestellt. (→ MIE 2026)

Hintergrund und Problemstellung
Die AKTIN-Infrastruktur ermöglicht die Nutzung von Versorgungsdaten aus mehr als 90 deutschen Notaufnahmen für Qualitätssicherung, Forschung und öffentliche Gesundheitsbeobachtung. Dafür werden internationale Standards zur Datenübertragung genutzt, darunter HL7 CDA (standardisierte medizinische Dokumente) und HL7 FHIR (standardisierte Datenelemente). Solche Standards sind bewusst streng: Sie sichern Validierung und Nachvollziehbarkeit, machen Änderungen aber langsam. Wenn neue Inhalte noch nicht im offiziellen Datensatz vorgesehen sind, treffen Forschung und Versorgung auf eine Lücke. Gleichzeitig würde eine unkontrollierte Aufnahme beliebiger Variablen die Validierung und die Vergleichbarkeit zwischen Standorten gefährden.

Was wurde erforscht?
Das Team entwickelte einen sogenannten „Wildcard"-Mechanismus als kontrollierte Erweiterungsschicht. Damit können zusätzliche Beobachtungen und Maßnahmen strukturiert ergänzt werden, ohne zentrale Schnittstellen oder Basisschemata zu verändern. Dafür wurden zwei offene CDA-Templates umgesetzt, eines für diagnostische Beobachtungen und eines für therapeutische Maßnahmen, und in die AKTIN-Verarbeitung eingebunden. Passende FHIR-Profile sorgen dafür, dass die Bedeutung der neuen Angaben zwischen beiden Standards konsistent bleibt. Sechs technische Anforderungen wurden vorab festgelegt, unter anderem Rückwärtskompatibilität, eine nachvollziehbare Herkunftsdokumentation und ein geringer langfristiger Wartungsaufwand. Getestet wurde das Vorgehen mit synthetischen CDA-Dokumenten, die reguläre und „Wildcard"-Einträge enthielten.

Die wichtigsten Ergebnisse
Die zusätzlichen Einträge ließen sich durchgängig standardkonform validieren, extrahieren und im bestehenden Datenbankschema speichern, ohne dass die zentralen Schnittstellen oder Schemata angepasst werden mussten. Entscheidend war, die erlaubten Wertetypen bewusst zu begrenzen, etwa auf kodierte Werte, Mengenangaben mit Einheit, Ja/Nein-Angaben, ganze Zahlen, Dezimalzahlen oder Text. So bleiben die Daten auswertbar und zwischen Standorten vergleichbar, während genügend Spielraum für neue Inhalte erhalten bleibt. Herkunft und Kontext der Erweiterungen wurden bei jeder Verarbeitungsstufe nachvollziehbar mitgeführt.

Was bedeutet das?
Der Ansatz kann helfen, neue Fragestellungen schneller in die Notaufnahmedokumentation zu bringen, zum Beispiel bei neuen Symptomen in einer Epidemie oder bei veränderten Behandlungsabläufen. Für Forschung und Qualitätsmanagement entsteht damit eine Möglichkeit, neue Variablen zunächst kontrolliert zu erfassen, statt die gesamte Infrastruktur kurzfristig umzubauen. Als nächster Schritt sind Erprobungen im Echtbetrieb mit mehreren Standorten und klare Governance-Regeln vorgesehen, um häufig genutzte Erweiterungen später in offizielle Datensatzversionen zu überführen.

„Mit dem Wildcard-Mechanismus können wir neue Inhalte strukturiert in die Notaufnahmedokumentation aufnehmen, ohne die strenge Validierung aufzugeben", sagt Hauke Heidemeyer vom Institut für Medizinische Informatik. „Nun kommt es darauf an, das Konzept im Echtbetrieb mit mehreren Standorten zu erproben und gemeinsame Governance-Regeln zu etablieren, damit bewährte Erweiterungen später in den offiziellen Datensatz übergehen können", ergänzt Jonas Bienzeisler.

 

Die Forschungsarbeit wurde als Originalarbeit in den → Proceedings veröffentlicht: Hauke HeidemeyerEmily Wedek, Raphael W. Majeed, Kai U. Heitmann, Alexander Kombeiz, Saskia Ehrentreich, Susanne Drynda, Ronny Otto, Wiebke Schirrmeister, Rainer RöhrigJonas Bienzeisler: Extending Interoperable Emergency Department Data: Standards-Based Design and Evaluation in AKTIN. Inform Stud Health Technol Inform 336, 2026, 1103-1107, DOI: https://doi.org/10.3233/SHTI260369

Das Forschungsvorhaben läuft auf der AKTIN-Infrastruktur, einer vom BMFTR im Rahmen des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM 3.0, FKZ 01KX2524) geförderten Forschungsinfrastruktur.

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